| Die Bauplastik des Südportals der Stiftskirche
Notre-Dame in Étampes war innerhalb
der kunsthistorischen Forschung in der
Frage nach der Entstehung der Gotik in
Frankreich wiederholt als missing link in der
Diskussion. Eine letzte Entscheidung hinsichtlich
der Bedeutung des Figurenensembles
konnte vor dem Hintergrund einer fehlenden
Baumonographie der Stiftskirche bislang
jedoch nicht getroffen werden. Neben
der Beseitigung dieses Desiderats bestand
das Ziel der Dissertation vor allem darin, anhand
der Bauskulptur von Notre-Dame die
Rahmenbedingungen für eine Neubewertung
des frühgotischen Figurenschmucks im
Umfeld von Chartres und Saint-Denis zu
schaffen und somit der Diskussion um die
Entstehung der Gotik neue Impulse zu verleihen.
Wie die Bauanalyse anhand von Neuvermessungen,
metrologischen Überlegungen und
Stilanalysen zu zeigen vermochte, ist das
heterogene Erscheinungsbild des Baus auf
eine kontinuierliche Umgestaltung eines
Gründungsbaus aus dem zweiten Viertel des
11. Jahrhunderts zurückzuführen. Ab dem
frühen 13. Jahrhundert verlor die Kirche für
das kapetingische Königtum, als dessen Hofkirche
Notre-Dame im 11. und 12. Jahrhundert
überregionale Bedeutung zukam, zunehmend
an Bedeutung und wurde dahernicht durch einen ambitionierten hochgotischen
Neubau „à la mode” ersetzt. Notre-
Dame von Étampes präsentiert sich somit
heute als ein Konglomerat unterschiedlicher
Stilelemente des frühen 11. bis mittleren 13.
Jahrhunderts, von denen einige durchaus als
stilbildend bezeichnet werden dürfen; dies
betrifft sowohl den Bereich der Bauplastik,
als auch die Architektur.
Die Studie vermochte nicht nur zu zeigen,
dass das Figurenportal in Étampes chronologisch
vor Chartres und Saint-Denis anzusetzen
ist und die Vermittlung frühgotischer
Formen in die Levante im Zuge des zweiten
Kreuzzuges von Étampes aus erfolgt sein
dürfte, auch Impulse auf die Verbreitung
frühgotischer Architekturkonzepte nahmen
hier ihren Ausgang. |