Kapitel 2:

Mittelosteuropas Weg zur Marktwirtschaft: Ökonomische Probleme und außenwirtschaftliche Umorientierung

 

2.1 Systemtransformation und ihre Folgen für Volkseinkommen
und Arbeitsmärkte 6

2.1.1 Der Transformationsprozeß in den Visegrádstaaten

a. Institutionelle Umstellungen und gesamtwirtschaftliche Folgen

b. Rückgang der Volkseinkommen in empirischer Betrachtung

2.1.2 Arbeitslosigkeit als Kernproblem der Systemtransformation 18

a. Kennzeichen und Schwächen der sozialistischen Arbeitsmarktorganisation

b. Transformationsbedingte Aufdeckung der Arbeitslosigkeit

c. Hindernisse für einen baldigen Abbau der Arbeitslosigkeit

2.2 Strategie der außenwirtschaftlichen Öffnung zur EU: Ziele
und kurzfristige Entwicklungen

2.2.1 Erwartungen der Reformländer an eine Annäherung an die EU

2.2.2 Unterschiedliche Erfahrungen der EG-Süderweiterung

2.2.3 Kurzfristige regionale Verlagerungen des mittelosteuropäischen Außenhandels

 

 

2.1 Systemtransformation und ihre Folgen für Volkseinkommen und Arbeitsmärkte

2.1.1 Der Transformationsprozeß in den Visegrádstaaten

Die gesellschaftliche Transformation leitete einen Wandel ein, der die Wirtschaftssubjekte Mittelosteuropas in nahezu sämtlichen Lebensbereichen betraf bzw. heute noch betrifft. Sie umfaßt den Wandel der langfristig etablierten Institutionen und eingeübten Verhaltensmuster, Veränderungen der Konsum- und Produktionsbedingungen sowie eine vollständige Neudefinition der Rolle des Staates. Gleichzeitig war sie zunächst mit einer massiven Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Rahmengrößen verbunden, vornehmlich einem Rückgang von Produktion und Einkommen sowie einem extensiven Anstieg der Arbeitslosigkeit. Im folgenden werden einführend die wesentlichen institutionellen und wirtschaftlichen Veränderungen der Systemtransformation vorgestellt. Im Vordergrund stehen dabei Begründungen für den Rückgang von Produktion und Volkseinkommen. Abschnitt 2.1.2 befaßt sich mit den ausgeprägten Arbeitsmarktproblemen der Reformländer. Die nach wie vor geringe Produktionstätigkeit und die hohe Arbeitslosigkeit sind zugleich die bestimmenden Größen für den weiteren Verlauf der Untersuchung. Die mittelosteuropäischen Reformländer sind in besonderem Maße gefordert, nach neuen Lösungen zur raschen Bewältigung dieser ökonomischen Problemlagen zu suchen.

 

a. Institutionelle Umstellungen und gesamtwirtschaftliche Folgen

In den sozialistischen Planwirtschaften wurden die ökonomischen Aktivitäten von zentralen Planungsorganen bestimmt, die einen Bestandteil des gesamtwirtschaftlichen Steuerungssystems bildeten. Die hierarchische Organisationsstruktur implizierte geringe Freiheiten bzw. Optionen der einzelnen Wirtschaftssubjekte, insbesondere der Anbieterseite. Die Unternehmen hatten nur Anreize zur Planerfüllung, ohne die Opportunitätskosten und lokalen wirtschaftlichen Konsequenzen zu berücksichtigen. Die Allokation erfolgte über Rationierungen anstelle von Preisen. Diese Umstände trugen zu einer ausgesprochen geringen räumlichen und sektoralen Flexibilität der Güter und Faktoren, einem unzureichenden Kapitalstock, veralteten Produktionssortimenten und einer mangelnden Produktivität der Volkswirtschaften bei.

Die Unterschiede zwischen der plan- und der marktwirtschaftlichen Organisationsweise sind grundlegend. Tab. 2a stellt die Kernelemente der Systemtransformation vor. Die aufgeführten Reformschritte veranschaulichen den grundlegenden und umfangreichen Wandel, den die nationale Wirtschaftspolitik der Visegrádstaaten durchsetzen und absichern muß(te). Dazu zählen insbesondere die Liberalisierung der Güter- und Faktormärkte, des Außenhandels und der finanziellen Dienstleistungen sowie der schrittweise Rückzug des Staates. Weitere institutionelle Veränderungen betreffen die Errichtung eines geeigneten Steuersystems, die Umgestaltung der sozialen Sicherung sowie die Implementierung verschiedener Stabilisierungs- und Kontrollinstrumente.

Tab. 2a: Makroökonomische Kernelemente der Systemtransformation

1. Macroeconomic Stabilization and Control

3. Private Sector Development, Privatization, and Enterprise Restructuring

- Government and enterprises: fiscal tightening

- Facilating entry and exit of firms

tight credit policies

- Sectoral and enterprise restructuring

- Adressing existing problems (money overhang etc.)

- Enterprise governance

- Expenditure switching measures for external
balance

- Establishing private and allocative property rights

2. Price and Market Reform

4. Redefining the Role of the State

- Domestic price reform

- Legal Reforms (competition, contract etc.)

- International trade liberalization

- Tax system and administration

- Distribution systems

- Budgeting and expenditure control

- Liberalizing wages and labor market

- Institutions of indirect monetary control

- Banking system reform and other financial markets

- Insurances, Pension, social services

- Interest rate reform

Quelle: Nach World Bank 1991, S.12

Ein weiteres wesentliches Merkmal der marktwirtschaftlichen Transformation ist die Privatisierung der Staatsunternehmen: "Die Frage, in welchem Umfang wo investiert werden soll, um das physische und humane Kapital wieder produktiv einzusetzen, kann nur dezentral entschieden werden" . Die private Verfügung und Kontrolle des Produktivvermögens soll die effiziente Allokation von Gütern und Ressourcen ermöglichen.

Die kurzfristigen gesamtwirtschaftlichen Folgen der Systemtransformation waren schwerwiegend. Es kam zu einem deutlichen Rückgang der Produktion und damit der nationalen Einkommen, zu einem weit überdurchschnittlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit, zu einer massiven Preisinflation sowie zu deutlichen Lohneinbußen, verbunden mit der Verarmung einzelner Bevölkerungsgruppen. Dabei waren die Einkommensverluste größer und langfristiger als erwartet.

In der Theorie liegen eine Reihe von Erklärungen vor, die verschiedene Faktoren für diese negative Entwicklung in den transformierenden Ländern verantwortlich machen. Neoklassische Erklärungsmuster suchen die Ursachen eher auf der Angebotsseite, Ansätze der keynesianischen Tradition eher bei nachfrageseitigen Komponenten. Weiterhin werden institutionelle Gründe für den Rückgang der Einkommen angeführt. In der Realität ist - wie häufig - ein Zusammenwirken der unterschiedlichen Problemfaktoren wahrscheinlich. Die wichtigsten Erklärungen werden im folgenden, trotz ihrer nicht einwandfreien Trennbarkeit, entsprechend der oben angeführten Kategorien zusammengefaßt.

(1) Angebotsseitige Erklärungen. Die angebotsorientierten Ansätze sehen die Begründungen für den Rückgang der Einkommen insbesondere in der Immobilität und der geringen Preisflexibilität der Produktionsfaktoren. Die Liberalisierung der Güterpreise und die damit einhergehende Veränderung der Preisstrukturen erfordern Anpassungen auf den Faktormärkten, die in den ehemaligen Planwirtschaften aufgrund von Rigiditäten bisher nur wenig erfolgten. Die große Zahl von Unternehmenszusammenbrüchen konnte durch Neugründungen nicht kompensiert werden. Unsicherheiten über die zukünftige Entwicklung, mangelnde unternehmerische Erfahrung, der unzureichende Ausbau finanzieller Dienstleistungen sowie die Immobilität der Arbeitskräfte erschwerten die effiziente Umstrukturierung des Unternehmenssektors.

(2) Nachfrageseitige Erklärungen. Der Rückgang der Volkseinkommen wird weiterhin auf die einzelnen Komponenten der aggregierten Nachfrage zurückgeführt. Die mit der Liberalisierung zusammenhängende Erhöhung des Preisniveaus führte zu Reallohneinbußen und damit zu einer Verringerung des autonomen Konsums. Auch die Auslandsnachfrage sank deutlich. Die traditionellen Absatzmärkte des RGW fielen nach dem Zusammenbruch des administrierten Außenhandelssystems und den transformationsbedingten Einkommensrückgängen in den Nachbarländern weitgehend weg. Weiterhin sanken die realen Investitionen der mittelosteuropäischen Unternehmen. Zum einen reagierten die Unternehmer auf den Nachfrageeinbruch im In- und Ausland. Zum anderen verteuerten sich ihre Inputpreise: Die Liberalisierung der inländischen Preise, der Wegfall der staatlichen Subventionen und der Vergünstigungen auf den Beschaffungsmärkten des RGW, die Abwertung der heimischen Währungen, die Erhöhung der Realzinsen und vor allem die Kreditrationierung (‘Credit-Crunch’) stellten die Produzenten vor erhebliche Kostenprobleme. Zudem verminderte die Erwartungsunsicherheit die unternehmerische Investitionsneigung. Schließlich wird vielfach davon ausgegangen, daß die statistische Überschätzung der Preisinflation zu einer übermäßig restriktiven Stabilisierungspolitik der nationalen Regierungen beitrug.

Im allgemeinen wird den nachfrageseitigen Erklärungsfaktoren eine größere Relevanz für den Rückgang der Einkommen beigemessen als denen der Angebotsseite. Schmieding (1993) vermutet jedoch, daß die eigentliche Ursache der realen Einbußen im Bereich institutioneller Faktoren zu suchen sei.

(3) Institutionelle Erklärungen. Die Systemtransformation beinhaltet eine notwendige und grundlegende Reform der Institutionen (s.o.). Diese ‘Non-Budget-Constraints’  steuern das Verhalten und die Koordination der Wirtschaftssubjekte. Ihre plötzliche Veränderung überforderte die Anpassungsfähigkeit der Individuen. "In fact there is a curious no-man’s land where bureaucratic coordination no longer applies and market coordination does not yet apply, and economic activity is impeded by disintegration, lack of coordination, and anarchy."  Das Fehlen des entsprechenden ‘marktwirtschaftlichen’ Know-hows und die Verhaltensunsicherheit der Wirtschaftssubjekte verhinderten kurz- bis mittelfristig eine effiziente Produktion und trugen so zum Rückgang der Volkseinkommen bei. Zur Gewöhnung an die marktwirtschaftlichen - insbesondere auch international üblichen - Institutionen bedarf es eines längeren Zeitraumes.

(4) Polit-ökonomische Erklärungen. Schließlich sei, in Anlehnung an den institutionellen Ansatz, die Verantwortung polit-ökonomischer Faktoren für den Rückgang der Volkseinkommen ergänzt. Die wirtschaftspolitischen Akteure haben aufgrund der relativ kurzen Zeiträume zwischen den Regierungswahlen und häufigen politischen Streitigkeiten die langfristigen Ziele der Transformation zu wenig berücksichtigt. Die mangelnde Durchsetzung bzw. Verzögerung notwendiger Reformmaßnahmen und vor allem häufige wirtschaftspolitische Kurswechsel erhöhten die Unsicherheit der Wirtschaftssubjekte und behinderten bisher eine optimale Allokation von Gütern und Faktoren.

Neben dem Rückgang der Volkseinkommen ist die Systemtransformation in den Reformländern wesentlich durch den komplexen strukturellen Wandel gekennzeichnet. Der Strukturwandel trifft die Bevölkerung in sämtlichen Lebensbereichen. Oben wurden die umfangreichen Veränderungen der Institutionen und Verhaltensgewohnheiten hervorgehoben. Daneben stellt die durch die Marktliberalisierung induzierte Reallokation von Gütern und Produktionsfaktoren hohe Anforderungen an die Wirtschaftssubjekte. Der freie Wettbewerb soll die verkrusteten Strukturen aufbrechen und marktgerechte Umstellungen herbeiführen. "Restructuring centrally understates the scope of the task at hand, because what is needed is nothing short of the orderly closing of most of the existing production structure and the creation of a whole new economy."  So umfaßt der Wandel die Ablösung staatlicher durch private Unternehmen, die Entflechtung und Neuorganisation der ehemaligen Kombinate, den Konkurs nicht wettbewerbsfähiger und das Entstehen neuer Betriebe; er betrifft sektorale bzw. industrielle Umstrukturierungen oder auch Verschiebungen der regionalen Industrieschwerpunkte. Die Vielschichtigkeit der Strukturveränderungen erfordert erhebliche Anpassungen der Wirtschaftssubjekte - sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite. Es ist davon auszugehen, daß der Wandlungsprozeß in den nächsten Jahren andauern wird (vgl. insbesondere Kap. 6). Für das Gelingen der Systemtransformation und die gesamtwirtschaftliche Erholung ist von substantieller Bedeutung, inwieweit die Wirtschaftssubjekte in der Lage sind, sich den neuen strukturellen Anforderungen anzupassen.

Dem Strukturwandel und seinen Implikationen für die Reformländer gilt daher die besondere Aufmerksamkeit der weiteren Untersuchung.

 

b. Rückgang der Volkseinkommen in empirischer Betrachtung

Die Länder Mittelosteuropas waren von der Systemtransformation in ähnlicher Form betroffen. Um ein Bild der länderspezifischen Situation zu erhalten, werden im folgenden die bisherige Einkommensentwicklung und die Reformpolitik der Visegrádstaaten vorgestellt. Bei den empirischen Analysen ist zu berücksichtigen, daß die statistischen Erhebungen in Mittelosteuropa, insbesondere in den Anfangsjahren des Transformationsprozesses, nicht mit dem Qualitätsstandard der EU-Statistiken zu vergleichen sind. Zum einen war es angesichts der grundlegenden wirtschaftlichen Umstrukturierung schwierig, die realen Niveaugrößen statistisch korrekt zu erfassen, zum anderen lag den Erhebungen oftmals eine andere konzeptionelle Methode als den westeuropäischen Statistiken zugrunde. Dieser Umstand ist bei den datenbezogenen Ausführungen dieser Untersuchung zu berücksichtigen. Daher stehen hier, wie auch in den folgenden Kapiteln, weniger absolute Niveaugrößen, sondern mehr die Veränderungen der untersuchten Indikatoren im Vordergrund.

Zunächst ist darauf hinzuweisen, daß sich die vier Länder hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Ausgangssituationen im Jahr 1989 zum Teil unterscheiden. So waren beispielsweise privatwirtschaftliche Aktivitäten in Ungarn und Polen wesentlich weiter verbreitet als in der ehemaligen Tschechoslowakei. Ferner waren die vier Länder im Außenhandelssystem des RGW unterschiedlich stark eingebunden und spezialisiert. Auch die externe Verschuldung der Visegrádstaaten unterschied sich: Während die damalige Tschechoslowakei keine Auslandsschulden aufwies, waren Polen und Ungarn vergleichsweise hoch verschuldet.

Tab. 2b: Pro-Kopf-BIP (in US-$), MOE, 1990

 

PL

CR

SR

H

in US-$

1.630

3.060

2.702

3.186

Index (H=100)

51,2

96,0

84,5

100

Quelle: DIW-Kooperationsbüro 1995

Um einen Vergleich der volkswirtschaftlichen Entwicklungsniveaus der Reformländer zu ermöglichen, stellt Tab. 2b das Pro-Kopf-Einkommen im ersten Transformationsjahr dar. Die zweite Zeile verdeutlicht die Rangfolge der Länder zu Beginn der Reformen. Danach wies Ungarn (H) das höchste Pro-Kopf-BIP - gemessen in US-$ - auf, unmittelbar gefolgt von der Tschechischen Republik (CR). Während die Slowakische Republik (SR) mit 84,5% einen immer noch vergleichsweise hohen Entwicklungsgrad verzeichnete, lag das polnische Pro-Kopf-Einkommen als niedrigstes nur bei der Hälfte des ungarischen Wertes.

Im Vordergrund der Analyse steht die Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Laufe des Transformationsprozesses. Ihre Analyse liefert einen Beleg für die in der Theorie beschriebenen Einkommenseinbrüche und ermöglicht einen Vergleich der vier Länder. Um einen Hinweis zu erhalten, welche Faktoren für die jeweilige Entwicklung von Bedeutung waren, werden anschließend - in Anlehnung an Punkt a. - die Veränderung der gesamtwirtschaftlichen Nachfragekomponenten sowie der Verlauf der bisherigen Reformpolitik in den Visegrádstaaten erörtert.

Abb. 2a: Entwicklung des realen BIP (in US-$), 1989=100, MOE, 1989-1996

Berechnet nach: Osteuropa-Institut 1996

Abb. 2a zeigt einen gleichförmigen Kurvenverlauf der vier Länder. Seit 1989 kam es zu einem deutlichen Rückgang des BIP und nach Durchschreiten eines Tiefstandes (auch als ‘Tal der Tränen’ bezeichnet) zu einer Erholung der Volkswirtschaften. So ergibt sich ein typisches U-förmiges Verlaufsmuster, jedoch mit teils unterschiedlicher Ausprägung. Der Rückgang des realen BIP war in der Slowakei am größten (auf 74% des Ausgangswertes), in Polen am geringsten (auf 81,7%). Neben der vertikalen Lage der Kurven fallen auch zeitliche Unterschiede auf: Sowohl der Rückgang als auch die Erholung der Realeinkommen setzten in Polen früher als in den übrigen Reformländern ein.

Insgesamt wird ersichtlich, daß sich die Realeinkommen Mittelosteuropas nach Erreichen des Tiefstandes zwar erholten, aber das Niveau von 1989 noch nicht erreichen konnten (Ausnahme: Polen mit 1996 103% des Ausgangswertes). Mittelosteuropa befindet sich nach sechs Jahren weiterhin in einer Konsolidierungsphase.

Die Dynamik der Nachfragekomponenten gibt erklärende Hinweise für die Entwicklung des BIP (vgl. Punkt a.). Tab. 2c listet die Veränderungen der relevanten Komponenten auf, die auf der einen Seite zum Rückgang der Volkseinkommen (bis 1991 bzw. 93), auf der anderen Seite zu ihrem Anstieg (seit 1991 bzw. 93) beigetragen haben. Es wird deutlich, daß die Realeinkommen sowohl durch inländische als auch durch internationale Nachfrageverschiebungen beeinflußt wurden. Dabei unterscheidet sich länderspezifisch, welche Faktoren für die Einkommensveränderung dominant waren.

Tab. 2c: Veränderung der nachfrageseitigen Komponenten des BIP, MOE, 1990-95

 

Rückgang des BIP (bis 91/93)

   

Anstieg des BIP (ab 91/93)

BIP-Quoten

PL

CR

SR

H

   

PL

CR

SR

H

Investitionen

(-)

(-)

(--)

(--)

   

(+)

(++)

(-)

(++)

Konsum

(+)

0

(-)

0

   

(+)

0

(-)

0

Export

0

(+)

(+)

(-)

   

(+)

(+)

(++)

(+)

Handelsbilanz

(-)

0

0

(--)

   

(-)

(-)

(+)

(-)

Staatsausgaben

(+)

(+)

(+)

(+)

   

(+)

(-)

(-)

0

(-) Rückgang der Quote, (+) Anstieg, (0) nur geringfügige Veränderung
Berechnet nach: Osteuropa-Institut 1996 und Economic Commission for Europe 1995

Für den Rückgang der Volkseinkommen war in allen vier Ländern der Fall der Investitionsquoten entscheidend, vor allem in Ungarn und der Slowakei. In der Slowakei fiel zusätzlich der private Konsum deutlich. Die staatliche Nachfragequote expandierte im gleichen Zeitraum überall, jedoch konnte sie den Rückgang der privaten inländischen Nachfrage nicht auffangen. Während die Exportquoten in der Tschechischen und der Slowakischen Republik sogar anstiegen, nahm der Außenhandel in Ungarn eine ungünstige Entwicklung. Sinkende Exporte und gleichzeitige Nachfrageverschiebungen ins Ausland führten hier bereits in den ersten Transformationsjahren zu einer erheblichen Verschlechterung der Handelsbilanz.

Auch die Erholung der Einkommen in den Visegrádstaaten wurde von der Dynamik der Investitionen entscheidend mitbestimmt (Ausnahme: Slowakei). Insbesondere in Ungarn und der Tschechischen Republik stiegen ihre Quoten nach 1991 bzw. 93 erheblich. In Polen hatten zudem die heimische Konsumnachfrage und die Erhöhung der Staatsausgaben einen positiven Einfluß auf die Einkommensentwicklung. In der Slowakei gingen dagegen die heimischen Nachfragekomponenten weiter zurück. Hier wirkte sich die deutliche Zunahme der Exportquote und mit ihr der Handelsbilanzquote positiv auf das Volkseinkommen aus. Die anderen drei Länder verzeichneten dagegen eine weitere Verschlechterung ihrer Handelsbilanzquoten: Die Exportzunahmen wurden durch den Anstieg der Einfuhren überkompensiert (vgl. auch Abschnitt 2.2.3).

Der Außenhandel spielte für die Entwicklung der BIP in Mittelosteuropa offensichtlich eine große Rolle. In den ersten Transformationsjahren expandierte er in allen vier Ländern deutlich. Insbesondere der kleinste Staat, die Slowakei, profitierte von einem Anstieg seiner Exporte. Für ihn waren sie die entscheidende nachfrageseitige Komponente für den Erholungsprozeß der Volkswirtschaft. In Ungarn dürfte die überproportionale Importausweitung dagegen den Anstieg seines Volkseinkommens eher behindert haben.

Wie in Punkt a. angesprochen, ist für die BIP-Entwicklung der Transformationsländer auch die nationale Wirtschafts- und Reformpolitik von Bedeutung. Die Visegrádstaaten weisen Unterschiede hinsichtlich des Fortschritts und der Stringenz ihrer marktwirtschaftlichen Reformen auf. Dabei läßt sich im wesentlichen zwischen zwei widerstreitenden Transformationskonzeptionen unterscheiden: In der Literatur wird für die Reformpolitik Ungarns der Terminus ‘gradualistisch-moderat’, für die der ehemaligen Tschechoslowakei und vor allem Polens der Terminus ‘schockartig-radikal’ verwendet. Diese Begriffe betreffen in erster Linie den Umfang und die Geschwindigkeit der in Angriff genommenen Reformmaßnahmen seitens der nationalen Regierungen.

Der umfassendste und zügigste Reformprozeß wurde in Polen Ende 1989 unter dem Reformpolitiker Balcerowicz eingeleitet. Die damalige Tschechoslowakei, ehemals Musterland planwirtschaftlicher Organisation, folgte unter der Regierung Klaus ebenfalls einem neoliberalen Leitbild, "das nicht nur durch den Markt als Lenkungsmedium charakterisiert ist, sondern das eindeutig auf die Herstellung privater Eigentumsrechte setzt" . Der Reformprozeß in Ungarn hatte eigentlich bereits 1968 begonnen. Im Jahr 1989 ging mit der politischen Umorientierung die Reformpolitik in die Transformationspolitik über. Aus diesem langfristigen zeitlichen Vorlauf resultierte, daß die Bedingungen für die Systemtransformation weitaus günstiger waren als in den Nachbarstaaten.

Mit Ausnahme der Tschechischen Republik mußten die Reformkräfte im Laufe der folgenden Jahre Rückschläge hinnehmen. Nach der Teilung der Tschechoslowakei regierten in der Slowakei mit Meciar und Moravcik zwei Politiker, die ihre ideologischen Wurzeln stärker im sozialistischen System hatten. Radikale Reformen wurden abgelehnt, da man in der - im Vergleich zur Nachbarregion - deutlich leistungsschwächeren Volkswirtschaft große ökonomische Einbrüche und soziale Härten befürchtete. Wider Erwarten kehrte die Regierung die vorher eingeleiteten Reformen jedoch nicht um. In Polen und insbesondere Ungarn war der weitere Verlauf der Transformation durch politische Schwierigkeiten bestimmt. So wurden beispielsweise in Ungarn bereits beschlossene Privatisierungen nicht umgesetzt, in Polen stockte der Reformfortschritt durch Streitigkeiten zwischen Präsident Walesa und den häufig wechselnden Regierungen.

Um schließlich einen Eindruck des bisherigen transformationsbedingten Strukturwandels zu gewinnen, seien beispielhaft die Anteilsverschiebungen zwischen dem Landwirtschafts-, Industrie- und Dienstleistungssektor sowie zwischen dem staatlichen und privaten Unternehmenssektor aufgezeigt (Tab. 2d). Letztgenannte geben zugleich Aufschluß über den Privatisierungsprozeß als wesentlichem Bestandteil der Reformpolitik.

Tab. 2d: Sektorale Strukturverschiebungen (in Prozent des BIP), MOE, 1990 und 1995

 

PL

 

CR

 

SR

 

H

BIP-Quoten

1990

1994*

 

1990

1995

 

1990

1995

 

1990

1995

Landwirtschaftssektor

8

6

 

8

5

 

8

6

 

13

7

Industriesektor

56

38

 

63

41

 

62

37

 

33

34

Dienstleistungssektor

36

56

 

28

54

 

30

57

 

55

59

Privatsektor

31

58

 

12

64

 

12

65

 

16

75

* Polnische Werte nur für den Privatsektor von 1995, die übrigen von 1994

Quelle: Osteuropa-Institut 1996

In den vier Ländern nahm seit Beginn der Transformation die relative Bedeutung des Landwirtschafts- und des Industriesektors (Ausnahme: Ungarn) ab, während der Anteil der Dienstleistungen an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung deutlich anstieg. Das Ausmaß der Strukturverschiebungen war dabei in Polen, der Tschechischen Republik und der Slowakei erheblich. Durch die Marktliberalisierung wurden die erforderlichen Anpassungen in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum nachgeholt. Dagegen blieb der ungarische Strukturwandel zwischen den drei Sektoren eher gering. Hier hatte die sektorale Struktur bereits im Jahr 1990 weitgehend dem Muster entsprochen, das in den westlichen Marktwirtschaften vorherrscht.

Zwischen dem staatlichen und privaten Unternehmenssektor kam es seit 1990 in den vier Ländern ebenfalls zu umfangreichen Umschichtungen. Sie waren am größten in der ehemaligen Tschechoslowakei; hier hatten bis 1989 offiziell keine privaten Betätigungen existiert. Demgegenüber waren in Polen und Ungarn private Unternehmen bereits vor der Systemwende begrenzt zugelassen. Der vergleichsweise hohe Einkommensbeitrag des Privatsektors in Polen im Jahr 1990 läßt sich zudem auf die relativ früh eingeleitete Systemwende zurückführen. Der größte Privatisierungsfortschritt war 1995 in Ungarn zu verzeichnen; hier erwirtschaftete der private Sektor mit 75% den wesentlichen Teil des Inlandsproduktes.

Der einführende Überblick veranschaulicht die ungünstige gesamtwirtschaftliche Entwicklung in den betrachteten Reformländern nach 1989:

Die wirtschaftlichen Hoffnungen der Länder Mittelosteuropas konnten somit bisher nicht erfüllt werden. Die Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Rahmengrößen war erheblich, und der inzwischen einsetzende Einkommensanstieg blieb weit unter den Erwartungen. Dies wird besonders deutlich bei der Betrachtung der hohen Arbeitslosigkeit, des Kernproblems der Transformationsökonomien. Bevor im weiteren Verlauf geprüft wird, inwieweit eine Strategie der außenwirtschaftlichen Umorientierung zu einer zügigen Belebung der Produktionstätigkeit Mittelosteuropas beitragen kann, soll zunächst die besondere Problematik der Arbeitsmarktentwicklung in den Reformländern eingehender erörtert werden.

 

 

2.1.2 Arbeitslosigkeit als Kernproblem der Systemtransformation

a. Kennzeichen und Schwächen der sozialistischen Arbeitsmarktorganisation

Die Organisation der Arbeitsmärkte macht den Unterschied zwischen Plan- und Marktwirtschaften besonders deutlich. Einen Arbeitsmarkt nach westeuropäischem Muster gab es in der Planwirtschaft nicht, der Arbeitseinsatz wurde in Abhängigkeit der extern vorgegebenen Produktionsziele gesteuert. Die Beschäftigung jedes Erwerbsfähigen war Leitbild der sozialistischen Ideologie. Staat und Partei verpflichteten den Bürger zur Arbeit, sie stellten ihm aber zugleich einen garantierten Arbeitsplatz zur Verfügung. Arbeitslosigkeit war ein ungewolltes und offiziell nicht existentes Phänomen. Das Recht und die Pflicht zur Arbeit sowie eine überproportionale Partizipationsrate weiblicher Erwerbspersonen führten zu einer - im Vergleich zu Westeuropa - überdurchschnittlichen Erwerbsbeteiligung in den Planwirtschaften.

Aus der spezifischen Organisationsweise der Planwirtschaft resultierten dennoch gelegentliche Beschäftigungsengpässe: Vollbeschäftigung auf der einen und egalitäre Lohnstrukturen auf der anderen Seite (Preise und Löhne gaben bestehende Knappheiten nicht wieder) machten es den Unternehmen schwer, ihre Produktion durch die Beschäftigung zusätzlicher Arbeitnehmer zu erhöhen. Infolgedessen wurden Arbeitskräfte in den Betrieben gehortet. Charakteristisch für die sozialistische Arbeitsmarktorganisation war ferner eine hohe Arbeitskräftekonzentration in der Landwirtschaft und der Schwerindustrie. Die Betriebs- und Unternehmenseinheiten waren dabei derart groß, daß sie teilweise die Arbeitskräfte einer ganzen Region absorbierten.

Der Umstand, daß der Arbeitseinsatz nicht Ergebnis ökonomischer Prozesse, sondern politischer Programme war, erzeugte zugleich eine der entscheidenden Produktivitätsschwächen der Planwirtschaft. Aus der zentralen Steuerung des Arbeitsmarktes resultierten ineffiziente Produktionsstrukturen, da die Allokation der Arbeit weder komparativen Kostenvorteilen folgte, noch in der Lage war, die Kapital- und Arbeitsmärkte ins Gleichgewicht zu bringen. Ergebnis der verzerrten Allokation und der betrieblichen Überbelegung mit Arbeitskräften war eine ausgesprochen niedrige Arbeitsproduktivität sowie eine hohe verdeckte Arbeitslosigkeit. Klös (1992) bezeichnet sie als Arbeitslosigkeit ‘on-the-job’. Zudem wird vielfach eine mangelnde Motivation der Arbeitskräfte unterstrichen. Sie resultierte aus der Garantie des Arbeitsplatzes, dem latenten Mangel an Arbeitskräften und den geringen Lohnanreizen. Diese Umstände dürften gleichzeitig für den Ausbau eines umfangreichen informellen Sektors mitverantwortlich gewesen sein. Schattenwirtschaft und Schwarzmärkte waren charakteristisch für die Planwirtschaften Mittelosteuropas.

 

b. Transformationsbedingte Aufdeckung der Arbeitslosigkeit

Beschäftigungseinbrüche und ansteigende Arbeitslosigkeit sind in den Volkswirtschaften Westeuropas bekannte Phänomene. Mit der Transformation ihres Wirtschaftssystems wurden nun auch die Visegrádstaaten mit der Arbeitslosigkeit konfrontiert, und dies in vergleichsweise schwerwiegender Form. Mit Ausnahme der Tschechischen Republik kam es in den Transformationsländern zu einem erheblichen Anstieg der Arbeitslosenquoten. Die Spitzenwerte lagen in Polen bei 16,5%, der Tschechischen Republik bei 4%, der Slowakei bei 14,4% und in Ungarn bei 13% (vgl. dazu genauer Kap. 6.4). Nach Erreichen ihrer Höchststände verharrten die Quoten auf hohem Niveau. Der zu beobachtende U-förmige Verlauf der Realeinkommen spiegelte sich bisher weder in einem spürbaren Abbau der Arbeitslosigkeit noch in einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigtenzahlen wider.

Die Gründe für den Anstieg der Arbeitslosigkeit sind zum Teil aus den bisherigen Ausführungen des Kapitels abzuleiten. In erster Linie lassen sich die Zugänge zur Arbeitslosigkeit durch den Rückgang der aggregierten Güternachfrage und den Rückzug des Staates aus dem wirtschaftlichen Geschehen erklären. Nachfragerückgänge auf den Gütermärkten und die Erhöhung der Produktionskosten nach der Preisliberalisierung zwangen die Unternehmen zur Verringerung bzw. Einstellung ihrer Produktion und damit zur Entlassung von Arbeitskräften.

In erheblichem Ausmaß wurden diese Entlassungen durch die Aufgabe der planwirtschaftlichen Beschäftigungspolitik forciert. Mit der Aufhebung der staatlichen Beschäftigungsgarantien und der damit verbundenen Subventionierung entfiel für die Unternehmen ein entscheidender Grund, die gehorteten Arbeitskräfte weiter zu beschäftigen. In diesem Zusammenhang steht auch der Abbau von Arbeitsplätzen im Bereich der überdimensionierten öffentlichen Bürokratie. Der schrittweise Rückzug des Staates aus dem marktwirtschaftlichen Geschehen und die zum Teil hohe Verschuldung der öffentlichen Hand erforder(te)n die Freisetzung zahlreicher Bediensteter.

Hinsichtlich des Arbeitsplatzabbaus lassen sich Unterschiede zwischen den bereits privatisierten und den staatlichen Unternehmen feststellen. Durch die Zulassung von privatwirtschaftlichen Betätigungen entstand eine Vielzahl von Arbeitsplätzen in neugegründeten Betrieben. Jedoch reichte diese Arbeitsplatzschaffung bei weitem nicht aus, die Beschäftigtenrückgänge im staatlichen Sektor aufzufangen. Im Vergleich zum staatlichen Sektor bestand und besteht die Überlebensstrategie neuer bzw. privatisierter Unternehmen in stärkerem Ausmaß darin, Kosten einzusparen und die Produktivität zu erhöhen. Neben der Freisetzung zuvor gehorteter Arbeitskräfte führte der Einsatz effizienzsteigernder Produktionsmethoden zu weiteren Arbeitsplatzrationalisierungen.

Die Entlassungspolitik der staatlichen Unternehmen war demgegenüber weniger rigoros. "The ability of enterprises to maintain employment despite the decline in output reflects the continuing ‘soft budget constraint’, whereby loss-making enterprises can continue to operate in the absence of any commercial or political mechanism to close them down."  Fortbestehende staatliche Subventionen, Kreditvergünstigungen sowie polit-ökonomische Motive veranlaßten die Unternehmen, viele notwendige Entlassungen hinauszuschieben. Die immer dringlicher werdende Reduktion der Beschäftigung erfolgte hier mehr auf Basis weicher Freisetzungsmaßnahmen, wie beispielsweise der Entlassung in den vorzeitigen Ruhestand.

c. Hindernisse für einen baldigen Abbau der Arbeitslosigkeit

Der erhebliche Anstieg der registrierten Arbeitslosigkeit spiegelt aber nur einen Teil der Problematik transformierender Arbeitsmärkte wider. Obwohl in den Visegrádstaaten seit 1991 bzw. 1993 eine Wiederbelebung der Produktionstätigkeit festzustellen war, blieben die Arbeitslosenquoten auf unverändert hohem Niveau. Spezifische Umstände der Transformationsländer dürften dazu beitragen, daß auch bei fortschreitender Erholung der Volkswirtschaften ein signifikanter Abbau der Arbeitslosigkeit zunächst nur schwer gelingen wird.

(1) Es ist davon auszugehen, daß die Arbeitslosigkeit ‘on-the-job’ (s.o.) noch nicht vollständig offengelegt worden ist. Insbesondere die noch vorhandenen low-budget-constraints der staatlichen Unternehmen begründen eine fortwährende betriebliche Überbeschäftigung in Mittelosteuropa. Mit Fortschritt des Liberalisierungs- und Privatisierungsprozesses ist mit einem weiteren Abbau ineffizienter Arbeitsplätze zu rechnen. Dadurch dürften in den kommenden Jahren die hohen Zugänge zur offenen Arbeitslosigkeit noch andauern.

(2) Wie in Kapitel 6 noch ausführlicher darzulegen sein wird, war in den Reformländern neben dem Anstieg der Arbeitslosigkeit auch ein erheblicher Rückgang der Partizipationsraten zu verzeichnen. Eine Vielzahl der mittelosteuropäischen Erwerbspersonen verließ also im Verlauf des Transformationsprozesses den Arbeitsmarkt, ohne sich als arbeitslos registrieren zu lassen. Die Gründe für den Arbeitsmarktrückzug dürften zum einen darin liegen, daß sich die Arbeitskräfte anderen, offiziell nicht registrierten Beschäftigungen zuwandten und in der Meldung zur Arbeitslosigkeit keinen Vorteil sahen. Zum anderen dürfte in den transformierenden Ländern auch der Hysterese-Effekt eine bedeutende Rolle gespielt haben; viele Erwerbspersonen gaben ihre Arbeitssuche auf, weil das Arbeitsplatzangebot zu knapp geworden war oder weil sie vermuteten, den neuen Arbeitsplatzanforderungen nicht gerecht werden zu können (vgl. auch Kap. 6.2.2). Die Verringerung der Erwerbstätigenzahlen schlug sich demnach auch in einem Zugang zur stillen Reserve nieder. Bei Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Situation könnte ein signifikanter Abbau der Arbeitslosigkeit behindert werden, wenn die zuvor zurückgezogenen Erwerbspersonen wieder auf den Arbeitsmarkt strömen.

(3) Der oben angesprochene Wandel der gesellschaftlichen Institutionen, die grundlegend veränderten Wettbewerbsbedingungen und der massive sektorale und regionale Strukturwandel erfordern erhebliche Anpassungen von Seiten der Erwerbspersonen. Einige Argumente sprechen dafür, daß die erforderlichen Anpassungen vor allem aufgrund der spezifischen Besonderheiten der vorherigen sozialistischen Arbeitsmarktorganisation nachhaltig erschwert werden. So war in der Vergangenheit bereits eine Vergrößerung des Mismatches auf den Arbeitsmärkten der Visegrádstaaten festzustellen. "However (...) the combination of falling employment, rising unemployment and increasing vacancies may indicate a structural mismatch in the labor markets."  Einer der zentralen Gründe für den steigenden Mismatch ist das Mißverhältnis des umfangreichen und temporeichen Strukturwandels auf der einen und der vergleichsweise geringen Mobilität der Arbeitskräfte auf der anderen Seite. So waren die Arbeitskräfte daran gewöhnt, ihre Stellen vorwiegend innerhalb eines Großbetriebes zu wechseln, die überbetriebliche Fluktuation war eher geringer. Die noch schwach ausgeprägte inter- und intra-sektorale Lohndifferenzierung und die extreme Wohnungsknappheit in einigen Regionen sind weitere Argumente dafür, daß die Erwerbspersonen nur zögerlich auf die veränderte Arbeitsnachfrage reagierten bzw. kurz- bis mittelfristig reagieren werden.

Die Wirtschaftspolitik ist in besonderem Maße gefordert, nach neuen Lösungen zu suchen, die eine zügige Belebung der Beschäftigung unterstützen. In diesem Sinne soll die folgende Untersuchung den Aspekt der außenwirtschaftlichen Umorientierung zu den westlichen Nachbarstaaten der EU analysieren. Es ist zu prüfen, inwieweit die Öffnung zu den hochentwickelten Volkswirtschaften Westeuropas Chancen zu einem dauerhaften Anstieg der Produktion und einer Steigerung der Arbeitsnachfrage eröffnet. In einem weiteren Schritt wird untersucht, welche Maßnahmen die wirtschaftspolitischen Akteure zu einer verbesserten Anpassung des Arbeitsangebots an die neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen ergreifen können.

 

 

 

2.2 Strategie der außenwirtschaftlichen Öffnung zur EU: Ziele und kurzfristige Entwicklungen

2.2.1 Erwartungen der Reformländer an eine Annäherung an die EU

Die Systemtransformation in Mittelosteuropa umfaßt als wichtigen Schritt auch einen Wandel der außenpolitischen und außenwirtschaftlichen Beziehungen. Der Fall des Eisernen Vorhangs, die Abkehr vom System des Managed Trade innerhalb des RGW und nicht zuletzt die geographische Nähe zu den westlichen Industrieländern förderten frühzeitig eine Annäherung der Visegrádstaaten an den Raum der EU. Von der Orientierung zu den westlichen Nachbarländern erhofft(e) man eine wertvolle Unterstützung für die Verwirklichung der transformationsbezogenen Ziele. So soll die EU-Annäherung zum einen eine politische Ankerfunktion erfüllen. Die Reformländer erwarten durch ihre stärkere Einbindung in die Union eine Absicherung der wiedergewonnenen Unabhängigkeit (außenpolitische Funktion); ferner soll die Hoffnung der Bevölkerung auf eine baldige Verbesserung ihrer sozialen Lage bestärkt werden (innenpolitische Funktion).

Wie bisher hervorgehoben, verbindet Mittelosteuropa mit seiner Annäherung an die EU andererseits vor allem wirtschaftspolitische Ziele. Mit einer Strategie der außenwirtschaftlichen Öffnung bzw. Umorientierung will man die transformationsbedingten Produktionseinbrüche begrenzen und einen Abbau der erheblichen Wohlstandsdifferenzen erreichen. Dabei läßt sich zwischen einer eher kurzfristigen und einer eher langfristigen Zielebene unterscheiden:

(1) Kurzfristig galt bzw. gilt es vor allem, die transformationsbedingten Produktions- und Nachfrageeinbrüche zu begrenzen und den daraus folgenden Arbeitsplatzabbau aufzuhalten. Die aus den internen Liberalisierungsmaßnahmen resultierenden Produktionseinbrüche wurden durch den Verlust der Absatzmärkte im Raum des RGW und den Wegfall der Vergünstigungen auf den sowjetischen Beschaffungsmärkten weiter verstärkt. Eine kurzfristige Verlagerung der Ausfuhren in den Wirtschaftsraum der EU sollte zumindest einen Teil der Absatzverluste Mittelosteuropas kompensieren. Die große Rolle des Aussenhandels für die Reformländer war vor allem in der Slowakei evident; bereits in den ersten Transformationsjahren trug der Exportanstieg maßgeblich zur beginnenden wirtschaftlichen Erholung des Landes bei (vgl. 2.1). Durch einen Anstieg der Exporteinnahmen können insbesondere exportabhängige Unternehmen ihre Produktion kurzfristig aufrecht erhalten, zudem erlaubt die Verringerung der Devisenknappheit die erhöhte Einfuhr notwendiger Produkte aus den westlichen Industrieländern (vgl. dazu ausführlich Kap. 3).

(2) Langfristig gehen die Erwartungen Mittelosteuropas weiter. Die Reformländer streben eine Mitgliedschaft in der EU und damit die volle Integration von Güter- und Faktormärkten an. Aus einer Marktliberalisierung mit den wirtschaftlich höher entwickelten Ländern der Union erhoffen sich die Visegrádstaaten die Realisierung statischer und dynamischer Handelsgewinne, die Attraktion von Kapital und qualifizierten Arbeitskräften sowie einen umfangreichen Transfer von technologischem Wissen. Eine steigende Arbeitsproduktivität bei gleichzeitig sinkenden Produktionskosten und die Erhöhung des aggregierten Angebots sollen zugleich zu einer dauerhaften Belebung der Arbeitsmärkte beitragen (vgl. dazu ausführlich Kap. 4 und 5). Ferner spielen bei der EU-Orientierung institutionell-politische Überlegungen eine wichtige Rolle. So wird vor allem eine Umverteilung von Ressourcen durch die Unionsfonds in Aussicht gestellt.

Aus diesen Gründen sehen die mittelosteuropäischen Länder in der Annäherung an die EU eine maßgebliche wirtschaftspolitische Strategie nach ihrer Systemwende. Daher schlossen sie gleich zu Beginn des Transformationsprozesses eine Reihe bilateraler Abkommen, die eine schrittweise Öffnung der Märkte vorsahen. Die bisher bedeutendsten Abkommen sind die sog. Assoziierungsverträge (1991, 1992). Sie legen einen genauen Plan zur Verwirklichung einer Freihandelszone von EU und Mittelosteuropa fest und beinhalten weitere Regelungen zur Liberalisierung der Faktormärkte, zur rechtlichen Harmonisierung sowie zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit (vgl. dazu Kap. 3). Kurze Zeit später folgten bereits die Mitgliedsanträge Ungarns, Polens (1994), der Slowakei und der Tschechischen Republik (1995). Das Ausmaß und die Geschwindigkeit, mit denen die Länder Mittelosteuropas ihre außenpolitische und wirtschaftliche Umorientierung vorantreiben, sind Ausdruck ihres großen Interesses, möglichst bald eine Vollmitgliedschaft in der EU zu verwirklichen.

Bevor in den Kapiteln 3 bis 5 zu analysieren ist, inwieweit die kurz- und langfristigen Hoffnungen der Reformländer durch eine zunehmende Marktintegration mit der EU erfüllt werden können, sollen im folgenden knapp einige Parallelen zur Süderweiterung der Europäischen Gemeinschaft in den 80er Jahren aufgezeigt werden.

 

 

2.2.2 Unterschiedliche Erfahrungen der EG-Süderweiterung

Die Integration Mittelosteuropas in die EU weist eine Reihe von Besonderheiten auf: die Unterschiedlichkeit der Ausgangssituationen zwischen bisherigen und zukünftigen Mitgliedstaaten, das Maß und das Tempo der Systemtransformation sowie der Bedarf einer umfassenden institutionellen Umgestaltung der außenwirtschaftlichen Beziehungen. Diese Besonderheiten erschweren Aussagen darüber, wie sich die Güter- und Faktorbewegungen zwischen EU und Mittelosteuropa langfristig gestalten werden und wie die Chancen der wirtschaftlichen Konvergenz zwischen den Ländern unterschiedlichen Entwicklungsgrades zu beurteilen sind. Ergänzende Hinweise können aus den Erfahrungen der Süderweiterung der Europäischen Gemeinschaft Anfang der 80er Jahre gewonnen werden (Aufnahme von Griechenland 1981, Spanien und Portugal, beide 1985). Zum einen sind die politischen und ökonomischen Ausgangssituationen der Länder Süd- und Mittelosteuropas - trotz nationaler Unterschiede - in einigen grundlegenden Merkmalen vergleichbar. Zum anderen liefert die Süderweiterung ein Fallbeispiel der außenwirtschaftlichen Integrationsprozesse zwischen weniger und höher entwickelten Volkswirtschaften der Peripherie und des Zentrums Europas.

Zur Veranschaulichung der vergleichbaren Ausgangssituationen stellt Tab. 2e die Pro-Kopf-Einkommen der Länder beider Regionen vor. Als Ausgangszeitpunkt wurde für Südeuropa (EUR3) das Jahr 1975 gewählt: Erstens begann damals der Demokratisierungs- und Liberalisierungsprozeß der drei Länder, zweitens forcierte man ab diesem Zeitpunkt die politischen Bestrebungen zu einer Öffnung zur EG deutlich. Das Basisjahr der Süderweiterung kann daher mit dem Ausgangsjahr 1990 für die mittelosteuropäischen Länder verglichen werden.

Tab. 2e: Pro-Kopf-Einkommen im Verhältnis zum jeweiligen EU(EG)-Durchschnitt, EUR3 und MOE, 1975 und 1990

   

GR

E

PG

 

PL

CR

SR

H

 

1975

     

1990

       

Pro-Kopf-BIP (US-$)

 

2.302

3.029

1.703

 

1.630

3.060

2.702

3.186

EUR 9/12=100

 

42,3

55,7

31,3

 

8,9

16,6

14,7

17,3

GR: Griechenland, E: Spanien, PG: Portugal
Berechnet nach: Osteuropa-Institut 1996, Europäische Kommission 1995 (d), EBRD 1993

Die in US-Dollar ausgedrückten Werte zeigen eine ähnliche Höhe der Pro-Kopf-Einkommen Süd- und Mittelosteuropas in den beiden Ausgangsjahren. In beiden Regionen lagen die Werte erheblich unter denen des EU(EG)-Durchschnitts. Dabei war der Entwicklungsgrad der Visegrádstaaten im Verhältnis zur EU nochmals niedriger. Im Vergleich zur Süderweiterung führten die Besonderheiten der Systemtransformation zu noch größeren realwirtschaftlichen und sozialen Diskrepanzen der mittelosteuropäischen Länder.

Inwieweit die EG-Integration für die südeuropäischen Länder bisher erfolgreich verlief, kann insbesondere an der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate sowie der Entwicklung der Pro-Kopf-Einkommen abgelesen werden.

In allen drei Ländern kam es zwischen 1975 und 1992 zu einer deutlichen Ausweitung ihrer gesamtwirtschaftlichen Produktion. Im Vergleich zum durchschnittlichen Wachstum der EG stieg das BIP Griechenlands (gemessen in ECU) jedoch nur unterproportional (85% des Durchschnittswachstums), das der iberischen Länder überproportional (Spanien 121% und Portugal 128% des Durchschnittswachstums).

Abb. 2b: Relative Entwicklung der Pro-Kopf-Einkommen in ECU,
EG=100, EUR3, 1975-1992

Quelle: Europäische Kommission 1995 (d)

Um Aussagen über die wirtschaftliche Konvergenz von EG und Südeuropa zu gewinnen, kann der Anstieg der relativen Pro-Kopf-Einkommen als Maßstab herangezogen werden. Abb. 2b verdeutlicht in dieser Hinsicht ein langfristiges Wachstum der relativen Pro-Kopf-Einkommen in den iberischen Ländern nach ihrem EG-Beitritt. Zwischen 1975 und 1992 wuchs das nationale Pro-Kopf-BIP in Spanien von 60 auf 71% und in Portugal von 34 auf 44% des EG-Durchschnitts. Konträr dazu sank seit dem Beitritt Griechenlands dessen relativer Wert bis 1992 stetig: Nach einem Anteilswert von 46% im Jahr 1975 erreichte Griechenland 1992 nur noch 37% des EG-Durchschnitts.

Differenziert man das nationale BIP nach den Komponenten der Verwendungsseite, so lassen sich ergänzende Informationen über die Faktoren der unterschiedlichen makro-ökonomischen Entwicklung in den südeuropäischen Ländern gewinnen. Relativ zum EG-Durchschnitt war das Wachstum des Inlandsproduktes im Zeitraum bis 1992 in Griechenland wesentlich durch die Veränderungen der Konsumausgaben, weniger durch die der Investitionen geprägt; in den iberischen Ländern, vor allem in Portugal, wurde die Wachstumsentwicklung hingegen stärker durch überproportionale Investitionsausgaben und Außenbeiträge bestimmt. Alle drei Länder wiesen einen negativen Außenbeitrag auf; in Spanien lag er allerdings deutlich niedriger als in Portugal und Griechenland. Im Gegensatz zum EG-Durchschnitt übertraf die Zunahme der Ausfuhrquoten der iberischen Länder die Zunahme der Einfuhrquoten, so daß der negative Außenbeitrag verringert werden konnte. Insbesondere in Portugal konnte die Entwicklung des Waren- und Dienstleistungshandels einen positiven Beitrag zum BIP leisten.

Die hier vorgestellten Indikatoren verweisen somit auf unterschiedliche realwirtschaftliche Veränderungen im Zuge der südeuropäischen Integration. In Griechenland entwickelten sich, insbesondere seit seinem EG-Beitritt, die untersuchten Indikatoren relativ ungünstig. Obwohl das Land erhebliche Transfers durch die gemeinschaftlichen Strukturfonds erhielt, war im Untersuchungszeitraum keine Tendenz zur realwirtschaftlichen Konvergenz erkennbar. Die Konvergenzentwicklungen der iberischen Länder waren demgegenüber in zeitlicher Parallelität mit dem zunehmenden Vollzug ihrer Integration zu beobachten. Offensichtlich bestanden zeitliche Beziehungen zwischen den europäischen Integrationsprozessen und den gesamtwirtschaftlichen Konvergenzerfolgen Spaniens und Portugals.

Die Erfahrungen der iberischen Länder bestärken die Hoffnungen Mittelosteuropas, durch eine Integration in die EU ihre Wohlstandsdifferenzen langfristig abbauen zu können. Es ist zu vermuten, daß Zusammenhänge zwischen der unterschiedlichen Konvergenzentwicklung der drei südeuropäischen Länder und der Veränderung ihrer Austauschbeziehungen mit der EG bestanden haben. Wenn in den Kapiteln 4 und 5 die langfristigen Perspektiven von Handel und Investitionsflüssen zwischen den Visegrádstaaten und der Union analysiert werden, mögen daher die Erfahrungen der Süderweiterung nützliche Hinweise liefern.

2.2.3 Kurzfristige regionale Verlagerungen des mittelosteuropäischen Außenhandels

Wie oben herausgestellt, war die Orientierung Mittelosteuropas zur EU einer der ersten Schritte im Prozeß ihrer marktwirtschaftlichen Transformation. Einen geeigneten Indikator für die Intensität und das Tempo dieser Neuorientierung liefert neben den institutionellen Schritten die kurzfristige inter-regionale Veränderung des Außenhandels. Tab. 2f stellt die Entwicklung der mittelosteuropäischen Handelsquoten in Bezug zu EU- und Nicht-EU-Ländern vor.

Im Zeitraum von 1990 (91) bis 1994 entwickelte sich der internationale Güterhandel in den Visegrádstaaten unterschiedlich. Eine Erhöhung der Gesamthandelsquoten war vor allem in den Ländern der ehemaligen Tschechoslowakei zu verzeichnen. In Ungarn und Polen fielen die Ausfuhren stärker als das nationale BIP. Infolgedessen kam es im Zeitverlauf in Polen zu einem Importquotenüberhang, in Ungarn vergrößerte sich der Überhang im Vergleich zu 1990 weiter. Nur in der Slowakei war die Steigerung der Ausfuhrquoten größer als die der Einfuhren. Die Ursache für die ungleiche Handelsentwicklung in den ehemaligen Planwirtschaften lag wesentlich in der unterschiedlichen Veränderung des Handels gegenüber den Nicht-EU-Ländern: Die Ausfuhrquoten Ungarns und Polens gegenüber den Nicht-EU-Ländern gingen signifikant zurück, in der Tschechischen Republik und vor allem der Slowakei erhöhten sie sich dagegen.

Tab. 2f: Inter-regionale Veränderungen des Güterhandels zwischen EU- und Nicht-EU-Ländern, Öffnungsgrad gegenüber der EU, MOE, 1990 und 1994

   

PL

CR

SR

H

   

1990

1994

1991*

1994

1991*

1994

1990

1994

Gesamt-

Exportquoten

0,20

0,18

0,29

0,41

0,29

0,54

0,31

0,26

handel

Importquoten

0,17

0,23

0,30

0,42

0,36

0,53

0,34

0,35

 

Differenz

0,03

-0,05

0,01

-0,01

-0,07

0,01

-0,03

-0,09

Nicht-EU-

Exportquoten

0,13

0,07

0,17

0,22

0,19

0,35

0,22

0,09

Länder

Importquoten

0,11

0,13

0,18

0,23

0,28

0,35

0,25

0,14

 

Differenz

0,02

-0,06

-0,01

-0,01

-0,09

0,00

-0,03

-0,05

EU-Länder

Exportquoten

0,08

0,11

0,12

0,19

0,10

0,19

0,09

0,16

 

Importquoten

0,06

0,10

0,12

0,20

0,08

0,18

0,09

0,20

 

Differenz

0,02

0,01

0,00

-0,01

0,02

0,01

0,00

-0,04

Öffnungs-grad gg. EU

 

0,07

0,11

0,12

0,19

0,09

0,19

0,09

0,18

Separate Werte von 1990 für die Tschechoslowakei nicht ermittelt.
Berechnet nach: EUROSTAT 1996, Osteuropa-Institut 1996, DIW-Kooperationsbüro 1995, EBRD 1993

Im Verhältnis zur EU war die Handelsentwicklung der Visegrádstaaten gleichförmiger. Hier kam es im Zeitverlauf zu einer deutlichen Vergrößerung sowohl der Export- als auch der Importanteile am BIP. Lediglich in der Slowakei blieb der Anstieg der Exportquote etwas geringer als der Exportanstieg gegenüber Nicht-EU-Ländern. Die Handelsausweitung gegenüber der EU trug in allen vier Ländern maßgeblich zur Erhöhung der Gesamthandelsquoten bei.

Um die kurzfristige Dynamik der außenwirtschaftlichen Orientierung zur EU zu verdeutlichen, hebt die letzte Zeile der Tabelle den Öffnungsgrad der Visegrádstaaten gegenüber den Ländern der EU  hervor. Zu Beginn der Transformation, im Jahr 1990, lag der Öffnungsgrad mit 12% in der Tschechischen Republik am höchsten, in den drei anderen Ländern mit 7-9% deutlich darunter. Im Verlauf der nachfolgenden vier Jahre kam es zu einem signifikanten Anstieg des Öffnungsgrades: In Ungarn und der Slowakei verdoppelte er sich, in der Tschechischen Republik stieg er um mehr als die Hälfte. In Polen, dem Land mit der 1990 niedrigsten außenwirtschaftlichen Öffnung, war die Erhöhung am geringsten.

Die Dynamik der EU-Öffnung erscheint umso deutlicher, wenn die Werte mit der Entwicklung Südeuropas nach 1975 verglichen werden. In den ersten vier Jahren erhöhte sich der Öffnungsgrad der drei Südländer gegenüber der EG um durchschnittlich 1,2% - eine Veränderung, die etwa einem Sechstel des mittelosteuropäischen Anstieges im vergleichbaren Zeitraum entsprach. Die Entwicklung des mittelosteuropäischen Öffnungsgrades kann somit als Beleg für die hohe Intensität der Annäherung an die EU angesehen werden.

Abb. 2c: Entwicklungen der Handelssalden gegenüber der EU
(in Prozent des BIP), MOE, 1990-1995

Berechnet nach: Osteuropa-Institut 1996, EUROSTAT 1996

Die kurzfristige Veränderung der Handelsquoten gegenüber der EU zeigt weiterhin eine ungleiche Entwicklung von Exporten und Importen. Abb. 2c verdeutlicht die Veränderung der Handelssalden zwischen 1990 (91) und 1995. Während in den Ausgangsjahren leichte Exportüberschüsse der Visegrádstaaten gegenüber der EU zu verzeichnen waren, veränderten sich die Salden im Verlauf der nachfolgenden Jahre ungleichmäßig. In Ungarn und der Tschechischen Republik überwogen die Importe deren Exporte zunehmend. Demgegenüber konnten Polen und die Slowakei ihre Exportüberschüsse gegenüber der EU in etwa beibehalten.

In den folgenden drei Kapiteln werden die möglichen Perspektiven einer Marktintegration von EU und Mittelosteuropa analysiert. Dabei steht zunächst die kurzfristige Entwicklung im Vordergrund. Es ist zu prüfen, inwieweit die zu Beginn der 90er Jahre abgeschlossenen Assoziierungsverträge die kurzfristigen Ziele der Visegrádstaaten zu einer Begrenzung der Produktionseinbrüche erfüllen können.