Kapitel 4:

Längerfristige Perspektiven einer Gütermarktintegration Mittelosteuropas mit der EU

4.1 Untersuchungsziel

4.2 Globale Handelsentwicklung und Integrationsgewinne

4.2.1 Gütermarktintegration, Handelsgewinne und deren Verteilung

a. Statische und dynamische Handelsgewinne

b. Länderbezogene Verteilung der Handelsgewinne

4.2.2 Die globale Handelsentwicklung nach der EG-Süderweiterung

4.2.3 Handelspotential zwischen Mittelosteuropa und der EU

4.3 Sektorale Handelsentwicklung: Perspektiven für den
Anstieg und den strukturellen Wandel der Produktion in
Mittelosteuropa

4.3.1 Begründung einer sektorbezogenen Analyse

4.3.2 Günstigere Ausgangslage der EU bei Aufnahme von Freihandel?

4.3.3 Der Aspekt der inter-sektoralen Arbeitsteilung: Handelsvorteile Mittelosteuropas im Bereich arbeitsintensiver Gütergruppen ?

4.3.4 Komplementarität von Humankapital und Technologietransfer

a. Die Humankapitalausstattung der Visegrádstaaten

b. Außenhandel und technologische Entwicklung

c. Theoretische Ansätze zum Technologietransfer

d. Bedeutung des Technologietransfers für Mittelosteuropa

4.3.5 Sektorale Importentwicklung als Indikator für handelsinduziertes Wachstum

4.3.6 Alternative Erklärungen von Handelsvorteilen und Chancen zu
einer Ausweitung des intra-sektoralen Güteraustausches

a. Intra-industrieller Handel im Prozeß der EG-Süderweiterung

b. Neuere theoretische Ansätze zur Erklärung des intra-sektoralen Handels

c. Circulus Vitiosus bei einer Gütermarktintegration Mittelosteuropas mit
der EU ?

 

 

4.4 Implikationen für die Arbeitsnachfrage

4.5 Veränderung der sektoralen Handelsentwicklung in
empirischer Betrachtung

4.5.1 Ziele der empirischen Analyse

4.5.2 Güterbezogene Konzentration der mittelosteuropäischen Exporte

a. Exportanteile und ihre Veränderung

b. Konzentration der Ausfuhren

4.5.3 Entwicklung der güterbezogenen Importe

4.5.4 Herausbildung von Handelsvorteilen der mittelosteuropäischen
Länder

a. Entwicklung der güterbezogenen Deckungsraten

b. Handelsvorteile, bezogen auf Faktorintensitäten

4.5.5 Veränderung der intra-sektoralen Handelsstrukturen

4.5.6 Zusammenfassung der kurzfristigen Handelsentwicklung

 

 

 

4.1 Untersuchungsziel

In Kapitel 2 wurde ausgeführt, daß die Erwartungen Mittelosteuropas von der Öffnung zur EU über die Begrenzung ihrer kurzfristigen Produktionseinbrüche hinausgehen. Erst die vollständige Liberalisierung der Güter- und Faktormärkte integriert die ehemaligen Staatshandelsländer wieder in vollem Umfang in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung. So zielt die Strategie einer außenwirtschaftlichen Umorientierung der mittelosteuropäischen Länder letztlich auf eine Integration ihrer Märkte mit der EU ab. Die Visegrádstaaten erhoffen daraus entscheidende Impulse für eine Verringerung der Wohlstandsdifferenzen zu den westlichen Nachbarländern und einen Abbau ihrer Arbeitslosigkeit.

Nach der in den Europaabkommen vereinbarten Freihandelszone für Industriegüter befaßt sich dieses Kapitel mit den längerfristigen Konsequenzen einer vollständigen Gütermarktintegration Mittelosteuropas mit der EU. Es ist zu prüfen, inwieweit sie zu einem dauerhaften Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion und zu einem spürbaren Abbau der hohen Arbeitslosigkeit in den Reformländern beitragen kann. Dabei sollen vor allem die strukturellen Auswirkungen der Integrationsstrategie mit berücksichtigt werden.

Die Analyse umfaßt drei Teile. Der erste Teil setzt sich mit den Perspektiven der globalen Handelsentwicklung zwischen EU und Mittelosteuropa und den potentiellen Gewinnen einer Gütermarktintegration auseinander (Abschnitt 4.2).

Um die handelstheoretischen Implikationen der internationalen Spezialisierung nach der relativen Faktorausstattung zu prüfen, bedarf es einer Untersuchung der sektoralen Güterstrukturen des Außenhandels im Verlauf der zunehmenden Integration. Daher werden in Abschnitt 4.3 die möglichen Perspektiven der inter- und intra-sektoralen Handelsentwicklung analysiert. Abschnitt 4.4 faßt die wichtigsten Konsequenzen der sektoralen Handelsentwicklung für die Arbeitsnachfrage in Mittelosteuropa zusammen.

Der dritte Teil bezieht die kurzfristigen empirischen Veränderungen des Güterhandels zwischen beiden Wirtschaftsräumen in die Untersuchung mit ein (Abschnitt 4.5). Die Entwicklung der bisherigen Handelsstrukturen kann möglicherweise erste Hinweise für die Gestaltung der zukünftigen Austauschbeziehungen zwischen den Visegrádstaaten und der EU liefern. Zudem können die zuvor vorgestellten theoretischen Hypothesen überprüft werden.

 

 

4.2 Globale Handelsentwicklung und Integrationsgewinne

4.2.1 Gütermarktintegration, Handelsgewinne und deren Verteilung

Neben der in den Europaabkommen vorgesehenen Freihandelszone setzt die vollständige Gütermarktintegration die Liberalisierung des Agrar- und Dienstleistungssektors, die Abschaffung der nicht-tarifären Handelshemmnisse sowie die Vereinheitlichung der Außenhandelspolitik voraus. Die beteiligten Volkswirtschaften versprechen sich aus der Vereinigung ihrer Gütermärkte Gewinne durch eine verbesserte zwischenstaatliche Arbeitsteilung. "The foreign trade sector plays an important role in the aggregate of (the created national product and national income, suppl.), because it is a catalyst, which helps to create the conditions and opportunities for efficient and quick economic expansion."  Als zentraler Mechanismus soll die Intensivierung des internationalen Wettbewerbs die Wohlstandsgewinne ermöglichen.

 

a. Statische und dynamische Handelsgewinne

Die statischen Handelsgewinne, die aus der Intensivierung des internationalen Wettbewerbs resultieren, lassen sich nach der neoklassischen Theorie in Tausch- und Spezialisierungsgewinne unterteilen: Anhand der Produktionsmöglichkeiten- und der Indifferenzkurve wird veranschaulicht, daß die Veränderung der relativen Preise bereits ohne Produktionsumstellungen zu einem höheren gesellschaftlichen Wohlfahrtsniveau führt. Der Bezug preisgünstigerer Produkte veranlaßt die Konsumenten, ihre Nachfragestruktur zugunsten des importierten Gutes umzustellen. Auf der Produktionsseite ergeben sich Wohlfahrtssteigerungen durch Spezialisierungsgewinne: die Produktionsfaktoren werden entsprechend der länderspezifischen komparativen Vorteile in ihre international effizienteste Verwendung gelenkt. Im Fall der ehemaligen Staatshandelsländer wird besonders hervorgehoben, daß der freie Handel von Gütern einen erheblichen Beitrag zur Verringerung der unternehmerischen Marktmacht leisten dürfte. Durch die unbeschränkte Einfuhr von Produkten zu Weltmarktpreisen wird die Preissetzungsmöglichkeit der Monopolisten und anderer marktmächtiger Anbieter eingeschränkt.

Grundlegend für einen dauerhaften Anstieg von Produktion und Arbeitsnachfrage in Mittelosteuropa sind die potentiellen dynamischen Handelsgewinne einer Gütermarktintegration, "(which, suppl.) can promote economic welfare not only by inducing higher allocative efficiency (a movement along the production possibilities frontier) but also by stimulating growth (an outward movement of the production possibilities frontier)."  Mehrere Mechanismen sind dabei anzuführen:

Abb. 4a: Handelsgewinne einer Gütermarktintegration

Darstellung in Anlehnung an Cecchini 1988

Abb. 4a veranschaulicht die potentiellen Wirkungen einer Handelsliberalisierung auf den Anstieg von Produktion und Arbeitsnachfrage. Sinkende Produktionskosten und eine steigende Güternachfrage aufgrund sinkender Preise stimulieren die Investitionstätigkeit der Unternehmen. Über multiplikative Effekte ist sie die Grundlage für die Schaffung von Einkommen und neuen Arbeitsplätzen.

Nach der herrschenden Handelstheorie schafft die Gütermarktintegration Mittelosteuropas mit der EU somit gute Voraussetzungen für einen dauerhaften Anstieg der Produktion und positive Impulse auf den Arbeitsmärkten. Gleichzeitig verdeutlichen die Ausführungen, daß die Gütermarktliberalisierung einen weiteren Druck zur Veränderung des Kosten-Preis-Gefüges in den Transformationsländern ausüben wird. Im Zusammenhang mit dem Europäischen Binnenmarkt (1993) sprach Cecchini auch von einem ‘Angebotsschock’ für die beteiligten Volkswirtschaften. Insbesondere für die ehemaligen Planwirtschaften induziert die fortschreitende Integration mit der Union erhebliche strukturelle Veränderungen, die sich verstärkt auf die Struktur der Arbeitsnachfrage auswirken dürfte (vgl. dazu Abschnitte 4.3 und 4.4).

b. Länderbezogene Verteilung der Handelsgewinne

Während über die positiven globalen Effekte einer Handelsintensivierung in der Theorie weitgehende Einigkeit besteht, gehen die Aussagen über die länderbezogene Verteilung der Handelsgewinne auseinander. Demzufolge ist es weder sicher, daß die Visegrádstaaten mindestens im gleichen Umfang wie ihre westlichen Partnerländer von einer Gütermarktintegration profitieren, noch, ob sie überhaupt gewinnen. In der Theorie lassen sich zwei Extremstandpunkte unterscheiden:

(1) Die traditionelle Außenhandelstheorie geht von einer wirtschaftlichen Konvergenz der ungleich entwickelten Volkswirtschaften aus. Nach Auffassung des Faktorproportionentheorems kommt es bei Marktöffnung zu einer internationalen Annäherung von Reallöhnen und -zinsen sowie zu einer Angleichung der Volkseinkommen. Als Beispiel für einen solchen Aufholprozeß werden die südostasiatischen Schwellenländer oder auch die iberischen Länder im Europäischen Binnenmarkt angeführt. Durch die Ausdehnung des Güterhandels würde Mittelosteuropa demnach langfristig sein Volkseinkommen an das der EU annähern und positive Wachstumsprozesse in Gang setzen können.

(2) Aus der Regional- und Entwicklungsökonomie stammen Ansätze, die eher eine wirtschaftliche Divergenz integrierender Länder bzw. Regionen erwarten. Deren Vertreter heben insbesondere Skalenerträge und Transportkosten hervor, die eine Agglomeration wirtschaftlicher Aktivität in den Zentralregionen des Integrationsraumes verursachen. Die wirtschaftliche Entwicklung der Region Norditaliens im Vergleich zum Mezzogiorno wird häufig als Beleg für eine Divergenz integrierter Räume hervorgehoben. Würden sich diese Marktkräfte durchsetzen, so wären die Visegrádstaaten bei vollständiger Gütermarktöffnung zur EU aufgrund ihrer ungünstigeren wirtschaftlichen Ausgangssituation benachteiligt. Nach Auffassung der Divergenz-Hypothese dürfte sich die Produktion im Zentrum der EU konzentrieren, wogegen Mittelosteuropa von der Marktintegration nicht profitieren könnte.

Neuere theoretische Ansätze verbinden die beiden Extremstandpunkte. Anzuführen ist hier beispielsweise das Modell der ‘U-Kurve’ von Krugman/ Venables (1990). Nach dessen Implikationen bewirkt eine Verringerung der Tauschkosten durch schrittweise Liberalisierung zunächst eine Konzentration im Zentrum, da der Schutz der peripheren Märkte wegfällt. Die Zentrumsländer können ihre Größenvorteile nutzen, die höher wiegen als die Lohnkostenvorteile der Peripherie. Der Abbau von Handelsschranken könne aber so weit gehen, daß die Peripherie nicht nur für ihren kleinen Markt, sondern für den gesamten Binnenmarkt produzieren wird: Die Wahrnehmung von Größenvorteilen, in Verbindung mit ihren niedrigen Lohnkosten und den gesunkenen Tauschkosten, ermöglicht es den Peripherieländern, die Standortvorteile des Zentrums zu übertreffen. Das Resultat einer weitergehenden Integration der einzelstaatlichen Märkte seien schließlich zunehmende Produktionsverlagerungen in die Peripherie.

 

 

4.2.2 Die globale Handelsentwicklung nach der EG-Süderweiterung

Um die Handelsgewinne voll realisieren zu können, muß die Export- und Importaktivität Mittelosteuropas im Verhältnis zur EU erheblich zunehmen. Die längerfristigen Erfahrungen der Süderweiterung könnten Hinweise auf die zukünftige Entwicklung der Handelsströme zwischen Mittelosteuropa und der EU bei Integration ihrer Gütermärkte geben. Von Interesse sind hier zum einen die Veränderung des Handelsvolumens mit der EG und andererseits die Veränderung der Handelssalden. Die Zeitpunktdaten der Jahre 1975 und 92 betreffen den Industriegüterhandel, bezogen auf das nationale BIP (vgl. Tab. 4a).

 

 

Tab. 4a: Inter-regionale Veränderungen des Industriegüterhandels zwischen EG- und Nicht-EG-Ländern, EUR3, 1975 und 1992

   

GR

E

PG

   

1975

1992

1975

1992

1975

1992

Gesamthandel

Exportquoten

10,9

12,5

7,1

11,2

13,0

21,9

 

Importquoten

25,5

29,8

15,0

17,3

25,9

36,0

 

Differenz

-14,6

-17,3

-7,9

-6,1

-12,9

-14,1

Nicht-EU-

Exportquoten

5,3

4,3

3,7

3,3

6,0

5,4

Länder

Importquoten

14,0

11,0

9,7

6,8

14,4

9,4

 

Differenz

-8,7

-6,7

-6,0

-3,5

-8,4

-4,0

EU-Länder

Exportquoten

5,6

8,2

3,4

7,9

7,0

16,5

 

Importquoten

11,5

18,8

5,3

10,5

11,6

26,6

 

Differenz

-5,9

-10,6

-1,9

-4,4

-4,6

-10,1

Berechnet nach: Europäische Kommission 1995 (d)

Im betrachteten Zeitraum läßt sich sowohl in Griechenland als auch in Portugal und Spanien eine Ausweitung ihrer Export- und Importquoten beobachten. Dabei stiegen in den beiden kleineren Ländern Portugal und Griechenland die Importüberhänge bis 1992 weiter an.

Tab. 4a zeigt zudem einen ausgeprägten inter-regionalen Strukturwandel des internationalen Handels aller drei südeuropäischen Länder. Seit der Orientierung Südeuropas in Richtung EG hat sich der intra-europäische Handel von Industriegütern stärker intensiviert, während sich der internationale Handel mit Drittländern restriktiver entwickelte. Die EG-Integration Südeuropas führte somit zu erheblichen Handelsumlenkungen zwischen EG- und Nicht-EG-Ländern. Diese Handelsumlenkungseffekte waren besonders ausgeprägt im Fall von Portugal, wo die intra-europäischen Ein- und Ausfuhrquoten sich extremer als die des Handels mit Drittstaaten entwickelten.

Des weiteren ist aus Tab. 4a ersichtlich, daß die intra-europäische Handelsausweitung von Industriegütern bei allen drei südeuropäischen Ländern auf der Import- wesentlich größer als auf der Exportseite war. Das Handelsdefizit des Produzierenden Sektors stieg bis 1992 etwa auf den doppelten Anteil, andererseits verringerte sich die Defizitquote im Handel mit den Drittländern. Im Zuge der europäischen Integration kam es daher zu einer importlastigen Entwicklung des Intra-EG-Warenhandels aus der Sicht der drei südeuropäischen Länder. Die Handelsquoten und die Importlastigkeit der Handelsausweitung korrelierten wiederum mit der Größe des Landes: Je kleiner der Marktumfang des Landes, um so höher war seine Außenorientierung und um so größer die Importabhängigkeit.

4.2.3 Handelspotential zwischen Mittelosteuropa und der EU

Wie in Kapitel 2.2.3 veranschaulicht, war bereits die kurzfristige Entwicklung des Ost-West-Handels deutlich expansiv (vgl. Tab. 2f). Die Daten zu den außenwirtschaftlichen Öffnungsgraden der Visegrádstaaten im Zeitraum 1989/93 ergaben massive Veränderungen der Außenbeziehungen, vor allem in der Slowakei.

In den Jahren seit dem zweiten Weltkrieg war der Handel der Visegrádstaaten verzerrt. Hauptsächlich politische Motive verursachten eine bewußte Distanz zu den westlichen Industrienationen und eine unverhältnismäßig starke Einbindung in das Handelssystem des RGW. Daher kann die im Vergleich zu den südeuropäischen Ländern relativ größere Dynamik des Ost-West-Handels der Visegrádstaaten in der kurzfristigen Perspektive vorrangig als Reflex von signifikanten ‘Handelslücken’ der ehemaligen RGW-Staaten erklärt werden.

Über die Frage, in welchem Umfang sich die Ein- und Ausfuhren Mittelosteuropas langfristig aufwärts entwickeln und in welche geographische Richtung man sich orientiert, gibt es keine geschlossene Theorie. Einigkeit besteht nur darin, daß der Güterhandel der Visegrádstaaten weiter zunehmen und die EU dabei den Hauptpartner darstellen wird.

An verschiedenen Stellen wurde versucht, mit Hilfe von Referenzgrößen wie Vergleichsländern oder Vergleichszeitpunkten Hinweise auf zukünftige Entwicklungstendenzen zu erhalten. Der historische Bezug, den beispielsweise Collins/ Rodrik (1991) herstellen, versucht die potentielle geographische Handelsrichtung Osteuropas von Strukturdaten der Zwischenkriegszeit (hier 1928) abzuleiten. Dieser an vielen Stellen zitierte Weg wird hier allerdings nicht weiter verfolgt, da erhebliche Einwände gegen ihn bestehen. Problematisch erscheint insbesondere der einem solchen Ansatz innewohnende Determinismus: Der Handel müßte vorrangig durch traditionelle Bindungen bestimmt sein. Ferner unterliegt die Weltwirtschaft einer ausgeprägten Dynamik, die sich auch in einem komplexen System neuer multi- und bilateraler Handelspräferenzen niederschlägt.

Andere Untersuchungen schätzen den potentiellen Handel auf der Grundlage des sog. Gravitationsansatzes (Linnemann 1966). Nach diesem Ansatz werden die inter-regionalen Handelsstrukturen aus einem System verschiedener Einflußfaktoren abgeleitet (vgl. Abb. 4b).

Abb. 4b: Potentielle Handelsstrukturen nach dem Gravitationsansatz

Quelle: Nach Linnemann 1966, Havrylyshyn/ Pritchett 1991, Döhrn/ Milton 1992

Der Ansatz legt folgende Zusammenhänge zugrunde:

Das Exportangebot des Inlands hängt positiv ab von:

Die Importnachfrage des Auslandes hängt positiv ab von:

Die Rahmenbedingungen fördern den internationalen Handel, wenn:

Auf der Grundlage von Querschnittsuntersuchungen des internationalen Handels zwischen OECD-Ländern wurde die statistische Signifikanz der Einflußgrößen geschätzt. Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Güterströme sind demnach vor allem das inländische und ausländische Pro-Kopf-Einkommen. Die statistische Signifikanz der räumlichen Entfernung bleibt demgegenüber geringer, ist aber ebenfalls deutlich.

Im nächsten Schritt wurden die potentiellen Handelsstrukturen der Visegrádstaaten abgeleitet, indem man ihre gesamtwirtschaftlichen Grunddaten in die ermittelte Schätzgleichung einsetzte.

Tab. 4b: Potentielle Exporte Mittelosteuropas im Verhältnis zu den tatsächlichen Exporten 1985 bzw. 1989

 

Zielregionen:

EUR12

EFTA

MOE+OE

andere Industrieländer

CR + SR

Hamilton/Winters (für 1985)

10,1

3,7

0,3

21,0

 

Baldwin (für 1989)

4,8

5,5

0,6

-

Ungarn

Hamilton/Winters (für 1985)

5,0

1,1

0,9

8,0

 

Baldwin (für 1989)

1,7

1,7

0,5

-

Polen

Hamilton/Winters (für 1985)

5,1

3,7

1,5

19,7

 

Baldwin (für 1989)

2,1

2,0

0,7

-

Berechnet auf Grundlage von Hamilton/ Winters 1992, S.85 und Baldwin 1994 (a), S.92

Tab. 4b stellt die wichtigsten Ergebnisse der beiden Untersuchungen von Hamilton/ Winters (1992) und Baldwin (1994) vor. Aufgeführt werden nicht die ermittelten absoluten Daten, sondern die potentiellen Exportströme der mittelosteuropäischen Länder im Verhältnis zu den tatsächlichen Ausfuhren 1985 bzw. 1989. Die Werte bestätigen die Hypothese: Der Handel mit der EU (EUR12) und den anderen Industrieländern wäre bei Freihandel vermutlich erheblich umfangreicher gewesen, der mit den Ländern Osteuropas (MOE+OE) geringer.

Die ‘Normalstruktur’ des Außenhandels verdeutlicht den Nachholbedarf der mittelosteuropäischen Länder und damit die möglichen Veränderungen in der kommenden Zeit. Wie im Fall der EG-Süderweiterung zu beobachten war, dürfte die Gütermarktintegration von Mittelosteuropa und EU zu einer deutlichen Handelsintensivierung führen. Die erwartete Handelsausweitung kann somit, ähnlich wie im Fall der iberischen Länder, längerfristig zu einer Verbesserung der Einkommenssituation in Mittelosteuropa beitragen.

 

 

 

4.3 Sektorale Handelsentwicklung: Perspektiven für den
Anstieg und den strukturellen Wandel der Produktion in Mittelosteuropa

4.3.1 Begründung einer sektorbezogenen Analyse

Im Vordergrund des Interesses steht im folgenden die strukturelle Handelsentwicklung zwischen der EU und Mittelosteuropa. Der Schwerpunkt einer sektoralen bzw. branchenbezogenen Analyse erscheint unter verschiedenen Aspekten sinnvoll:

Aus der Sicht der Industrieökonomie und der Betriebswirtschaftslehre stellt die Wettbewerbsfähigkeit primär ein einzelwirtschaftliches bzw. branchenbezogenes Konzept von Unternehmen bestimmter Märkte oder Branchenmärkte dar. So bilden beispielsweise Skalenvorteile oder die Größendegression der Kosten in der Industrieökonomie wichtige strukturelle Merkmale der Produktionsbedingungen auf Branchenmärkten.

 

 

4.3.2 Günstigere Ausgangslage der EU bei Aufnahme von Freihandel?

Die Zeiträume, die von den verschiedenen Studien für einen handelsinduzierten Einkommensanstieg Mittelosteuropas prognostiziert werden, erscheinen zuweilen relativ kurz. Mit der zunehmenden Öffnung zur EU stiegen die Importe der Reformländer zunächst stärker an als die Exporte (vgl. Kap. 2.2.3). Nachfolgend werden einige Faktoren diskutiert, die dafür sprechen könnten, daß dieser Trend in den nächsten Jahren noch fortbestehen wird. Demnach könnte die EU im Prozeß der Handelsliberalisierung aufgrund ihrer ökonomischen Ausgangsvorteile die Exporte nach Mittelosteuropa vorerst stärker steigern als die Reformländer ihre Ausfuhren in die EU.

Die jahrzehntelange Abschottung der RGW-Länder von den Weltmärkten hatte zu einem Wohlstands- und Produktivitätsgefälle zwischen den west- und mittelosteuropäischen Volkswirtschaften geführt. Wie im vorherigen Kapitel verdeutlicht, konnten die Visegrádstaaten bei der Marktöffnung zur EU aufgrund ihrer kurzfristig relativ geringen Angebotselastizität nicht mit der notwendigen Flexibilität auf die neuen Wettbewerbsbedingungen reagieren. Es ist zu vermuten, daß die Gütermarktintegration auch in den nächsten Jahren nicht zu einer umfangreichen Diversifikation der Exportstrukturen Mittelosteuropas führen wird. Die Ausfuhren der Visegrádstaaten dürften sich weiter im Bereich traditioneller Gütergruppen, vorwiegend kapital- und rohstoffintensiver Fertigung, sowie auf Erzeugnisse der Landwirtschaft konzentrieren (vgl. Kap. 3.3.2).

Die im folgenden aufgeführten Handelsdeterminanten begründen kurzfristige Wettbewerbsvorteile der EU, die zu einem fortgesetzten überproportionalen Importanstieg der Reformländer beitragen dürften:

(1) Mangelnde Liefermöglichkeit aufgrund von Nicht-Verfügbarkeit. Der marktwirtschaftliche Transformationsprozeß in den Visegrádstaaten deckt nicht nur die Präferenzen der Nachfrage auf, er schafft zugleich Präferenzveränderungen sowohl auf der Produktions- als auch auf der Konsumptionsseite. Der Verfügbarkeitsansatz (Kravis 1956) geht davon aus, daß Handel aufgrund von Verfügbarkeitsunterschieden zwischen verschiedenen Ländern entsteht. Die veränderte Nachfrage in Mittelosteuropa kann aufgrund der kurzfristigen Angebotsrestriktionen im Inland teilweise nicht befriedigt werden. Insbesondere die Nachfrage nach Investitionsgütern dürfte sich verstärkt auf die Märkte der EU richten. Der erhebliche Umstrukturierungsprozeß in den Reformländern erfordert den Aufbau eines wettbewerbsfähigen Realkapitalstocks. Die dazu notwendigen höherwertigen Technologiegüter sind - bis zum Aufbau der entsprechenden Produktionsfazilitäten und des notwendigen Know-hows - in den Visegrádstaaten kaum verfügbar.

(2) Mangelnde Liefermöglichkeit aufgrund von Qualitätsdefiziten. Eng im Zusammenhang mit der Nicht-Verfügbarkeit steht die Nicht-Erfüllung bestimmter nachgefragter Qualitäten von Seiten des inländischen Angebots. Die EU als Region mit hohem Volkseinkommen verfügt über eine breite Palette differenzierter und qualitativ hochwertiger Produkte. Auf der anderen Seite waren die Planwirtschaften Mittelosteuropas vor allem dadurch gekennzeichnet, daß sie die Nachfragepräferenzen nicht genügend berücksichtigten, bzw. zumindest nicht flexibel auf deren Veränderungen reagierten. Mit Aufhebung der Handelsschranken können vor allem die Konsumenten ihre kurzfristig transparenter gewordenen Präferenzen auf den EU-Märkten befriedigen. Ein anschauliches Beispiel für ein derartiges Konsumverhalten stellt der Nachfrageboom der ehemaligen DDR-Einwohner nach westdeutschen Produkten dar.

(3) Preisunterschiede aufgrund von Produktivitätsdifferenzen. Weiterhin spielen niedrigere Güterpreise auf den Märkten der EU eine Rolle für die hohen Importziffern der Reformländer. Das auf Ricardo (1823) zurückgehende Theorem der komparativen Kosten begründet Handel auf der Basis divergierender Produktionsfunktionen. Produktivitätsunterschiede zwischen den Ländern resultieren aus einer Vielzahl von Faktoren. Die Erfindung bzw. der Import effizienzsteigernder Produktionsverfahren oder die Verfügbarkeit kostengünstiger Vorprodukte erlauben den Unternehmen der EU, die Absatzpreise viele Produkte vergleichsweise niedrig zu halten. Demgegenüber hatte sich das planwirtschaftliche System in Mittelosteuropa kaum als innovationsfördernd oder effizienzsteigernd erwiesen. Nach Preisfreigabe wurde offensichtlich, daß eine Reihe von Produkten international preislich nicht wettbewerbsfähig ist.

Diese Argumente belegen zum Teil den überproportionalen Importanstieg der mittelosteuropäischen Länder; sie begründen zugleich, daß sich dieser Trend bei vollständiger Integration der Gütermärkte mit der EU weiter fortsetzen dürfte. Mit Öffnung der Märkte wird die Güternachfrage in Mittelosteuropa schneller reagieren als die Angebotsseite. Kurzfristig mag es den Visegrádstaaten daher schwer fallen, mit Hilfe der auf wenige Sektoren konzentrierten Exporte ihre Einkommenssituation spürbar zu verbessern. Auch im Fall der EG-Süderweiterung war eine überproportionale Zunahme der Importe, insbesondere in den beiden kleineren Ländern, zu verzeichnen. Dies legt den Schluß nahe, daß vor allem Ungarn, die Tschechische Republik und die Slowakei zukünftig überproportionale Einfuhrsteigerungen aufweisen werden. Andererseits kann die Importzunahme ein Kennzeichen für eine dynamische Entwicklung in den Reformländern sein. Führen die Volkswirtschaften in erster Linie Investitionsgüter ein, so sind längerfristig positive Einkommenseffekte wahrscheinlich (vgl. dazu 4.3.5).

Um ihre Chancen im Zuge der Gütermarktintegration wahrzunehmen, müssen die Transformationsländer ihre Angebotsseite umstrukturieren. Durch eine Spezialisierung der Produktion können sie zunehmende Wettbewerbsvorteile gegenüber den Volkswirtschaften der EU erlangen und ihre Exporte nachhaltig ausweiten. In den folgenden Abschnitten werden die möglichen Wettbewerbsvorteile der Visegrádstaaten diskutiert.

 

 

4.3.3 Der Aspekt der inter-sektoralen Arbeitsteilung: Handelsvorteile Mittelosteuropas im Bereich arbeitsintensiver Gütergruppen ?

Ein Versuch, die Form der zukünftigen Arbeitsteilung abzuleiten, ist die Ermittlung der relativen Faktorausstattung eines Landes. Nach dem Faktorproportionentheorem (Heckscher/ Ohlin 1919, 1933)  stellt sie eine wesentliche Determinante zur Erklärung komparativer Kostenvorteile dar. Obwohl die Voraussetzungen des neoklassischen Modells in der Realität nur bedingt anzutreffen sind, mögen die grundlegenden Ideen des Faktorproportionentheorems gerade für den Handel zwischen den Visegrádstaaten und der EU jedoch wertvolle Hinweise liefern. Die unterschiedlichen Faktorausstattungen der beiden Regionen mit ihren Wirkungen auf die relativen Faktorpreise ermöglichen zukünftige Spezialisierungsvorteile Mittelosteuropas.

Mit Hilfe des Faktorproportionentheorems läßt sich die potentielle Handelsentwicklung von sog. Ubiquitätsgütern beschreiben. Sie sind durch eine weitgehend standardisierte Technologie und eine verschärfte Angebotskonkurrenz charakterisiert. Nach den Grundgedanken des Modells implizieren die unterschiedlichen relativen Faktorausstattungen zweier Länder abweichende Faktorknappheiten, woraus Preisdivergenzen der produzierten Güter resultieren: "Jedes Land hat einen Vorteil in der Erzeugung von Gütern, in die viel von Produktionsfaktoren eingeht, welche in diesem Land reichlich vorhanden und billig sind."  Daraus folgt, daß ein Land diejenigen Güter ausführt, die eine relativ hohe Faktorintensität in dem Produktionsfaktor aufweisen, der relativ reichlich vorhanden ist, und solche Güter importiert, für deren Produktion der im Inland relativ knappere Faktor vorwiegend verwendet werden müßte.

Die widersprüchlichen Ergebnisse, zu denen Leontief (1954) bei einer Untersuchung der US-amerikanischen Ex- und Importe kam, führten in der Folgezeit zu Modifikationen des orthodoxen Ansatzes. Neben der Berücksichtigung von Nachfragepräferenzen zählt dazu insbesondere die zusätzliche Einbeziehung von Ressourcen und unterschiedlichen Qualitäten des Produktionsfaktors Arbeit. Die ausdrückliche Einbindung von Humankapital im sog. Neo-Faktorproportionentheorem ist gerade in bezug auf die Exportentwicklung Mittelosteuropas von Relevanz (zur Bedeutung des Produktionsfaktors Humankapital vgl. folgenden Abschnitt 4.3.4).

Im folgenden ist zu klären, welche Faktoren in den Reformländern relativ reichlich zur Verfügung stehen und somit in Zukunft Handelsvorteile gegenüber der EU implizieren könnten. Die bisherige Spezialisierung auf eher sachkapital- und rohstoffintensive Exporte dürfte sich auf lange Sicht kaum fortsetzen.

Produktionsfaktor Boden/ Rohstoffe: Die osteuropäischen Produzenten profitierten von der Organisation des RGW-Handels, in dem die ehemalige Sowjetunion insbesondere energetische Ressourcen preisgünstig abgab. Nach dem Zerfall des RGW stiegen auch die Rohstoffpreise auf Weltmarktniveau. Die Rohstoffvorkommen in den Visegrádstaaten sind dagegen begrenzt. Zudem dürfte die zunehmende Durchsetzung internationaler Umweltstandards die Produktion rohstoffintensiver Güter in Mittelosteuropa verteuern.

Produktionsfaktor Kapital: Auch die Spezialisierung auf sachkapitalintensive Produktionen dürfte nicht dem relativen Faktorbestand Mittelosteuropas entsprechen. Diese Spezialisierung "...war in erster Linie eine Folge der ideologisch motivierten Unterbewertung des Faktors Kapital in den sozialistischen Planwirtschaften."  Fraglich ist ferner, inwieweit mit dem vorhandenen Sachkapitalbestand die veränderte Güternachfrage befriedigt werden kann. Im allgemeinen wird davon ausgegangen, daß er in großen Teilen erneuert werden muß.

Produktionsfaktor Arbeit: Weitgehend übereinstimmend gehen die Prognosen von einer relativen Reichlichkeit an Arbeitskräften in Mittelosteuropa aus. In den Planwirtschaften bestand zwar offiziell Vollbeschäftigung. Nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten gab es jedoch ein hohes Ausmaß an versteckter Arbeitslosigkeit, die nach 1989 sehr schnell zu Tage trat. Bereits zu Beginn des Transformationsprozesses sanken die Reallöhne der osteuropäischen Arbeitskräfte deutlich. Trotz massiver Preisinflation zwangen die hohe Arbeitslosigkeit und die Liquiditätsprobleme vieler Unternehmen zu lohnpolitischen Restriktionen. In Zukunft wird daher mit einer Ausdehnung arbeitsintensiver Produktionen zu rechnen sein.

Veranschaulicht man die relativen Bestände von Boden, Kapital und Arbeit im idealtypischen Leamer’schen Ausstattungsdreieck, so würde man in Zukunft eine Spezialisierung auf arbeitsintensive Produktionen und damit eine gegenüber 1989 deutlich veränderte Exportstruktur Mittelosteuropas erwarten. Sachkapitalintensive Güter dürften dagegen vermehrt aus dem Raum der EU importiert werden. Diese Form des Güteraustausches entspricht in den Grundzügen der Arbeitsteilung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern.

Bereits heute ist eine zunehmende Wettbewerbsfähigkeit in arbeitsintensiven Produktionen erkennbar. Insbesondere durch die internationale Aufteilung des Produktionsprozesses können die Reformstaaten ihre ausstattungsbedingten Vorteile bei der Fertigung von Teilprodukten wahrnehmen. Eine gängige Form solcher Produktionsaufteilungen ist das ‘Sub-Contracting’: Ein EU-Unternehmen vergibt einen Auftrag zur Produktion bestimmter Waren an ein ausländisches Subunternehmen. Bei solchen Aufträgen bildet die Auslagerung arbeitsintensiver Fertigungen nach Mittelosteuropa das deutlich wichtigste Motiv. Durch das Sub-Contracting können spezifische Nachteile Mittelosteuropas wie insbesondere die mangelnden Vermarktungskenntnisse überbrückt werden. Die in den Reformländern nicht vorhandenen oder ineffizienten Produktionsabschnitte sowie die Vermarktung erfolgen durch Unternehmen der EU.

Die weitere Spezialisierung auf arbeitsintensive Produktionen könnte somit ein Schritt zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der EU sein. Insbesondere bei Gütern, deren Arbeitsintensität vergleichsweise hoch liegt, können Ausgangsvorteile der EU, die sie beispielsweise durch die Verwirklichung von Skalenerträgen aufweist, bereits kurz- bis mittelfristig ausgeglichen werden.

Viele Untersuchungen weisen aber darauf hin, daß zukünftige Vorteile nicht allein durch diese drei Produktionsfaktoren bestimmt werden. Sie vermuten, daß Mittelosteuropa aufgrund der relativ hohen Qualifikation ihrer Arbeitskräfte langfristig Vorteile in humankapitalintensiven Produktionen gewinnen könnte.

 

 

4.3.4 Komplementarität von Humankapital und Technologietransfer

Eine zukünftige Spezialisierung Mittelosteuropas auf die Produktion arbeitsintensiver Erzeugnisse kann zwar Wachstumsimpulse liefern, sie birgt jedoch auch Risiken:

Oben wurde bereits die vergleichsweise hohe Humankapitalausstattung der Visegrádstaaten angesprochen. Sie könnte Mittelosteuropa langfristig dazu verhelfen, neben arbeitsintensiven Gütern auch zunehmende Wettbewerbsvorteile im Bereich technologisch anspruchsvoller Produkte zu erlangen.

 

a. Die Humankapitalausstattung der Visegrádstaaten

Die Bewertung der Ausbildung in den Transformationsländern ist uneinheitlich. Zum einen kann von der Produktivität des Produktionsfaktors Arbeit nicht auf dessen ausbildungsbedingtes Arbeitsvermögen geschlossen werden. Für das Produktionsergebnis dürfte die Organisation der Volkswirtschaft und die Effizienz des Realkapitalstocks von mindestens ebenso großer Relevanz sein wie die Qualifikation der Arbeitnehmer. Zum anderen ist es problematisch, vom jeweiligen formalen Ausbildungsstand auf die Qualität der Ausbildung zu schliessen. Es wird damit keine Aussage darüber getroffen, inwieweit beispielsweise ein höherer Schulabschluß in Polen mit einem Gymnasialabschluß in Deutschland vergleichbar ist.

Anhand verschiedener Methoden haben Ökonomen versucht, den tatsächlichen Humankapitalbestand der Visegrádstaaten abzuschätzen. Graziani (1994) kommt zu dem Ergebnis, daß die Qualifikation der mittelosteuropäischen Arbeitskräfte in den 80er Jahren, gemessen an Schul- und postschulischer Bildung, zwischen dem Niveau der EU und dem der Entwicklungsländer lag. Sie sei in etwa vergleichbar mit dem Niveau Portugals. Nach Interpretation des Cepr (1990) entspricht der Ausbildungsstand etwa dem der drei südeuropäischen Länder. Klodt (1991) schätzt ihn noch höher ein. Wird der Indikator ‘Forschung und Entwicklung (FuE)’ bei der Bewertung des Ausbildungsstandes hinzugezogen, so kommt auch Graziani zu günstigeren Ergebnissen. Sowohl die FuE-Ausgaben als auch der Beschäftigtenanteil in den FuE-Einrichtungen lagen deutlich höher als in nahezu allen untersuchten Industrie- und Entwicklungsländern.

Die abweichenden Ergebnisse geben einen Eindruck von den Schwierigkeiten, die sich bei der Evaluierung des mittelosteuropäischen Ausbildungsstandes ergeben. Insgesamt ist aber davon auszugehen, daß Mittelosteuropa über einen bedeutenden Bestand an qualifizierten Arbeitskräften verfügt. Dementsprechend geht eine Reihe von Studien von einer relativen Reichlichkeit an Humankapital aus, die zukünftige Handelsvorteile in humankapitalintensiven Sektoren ermöglicht.

Es ist zu vermuten, daß - wie bei vielen anderen Koordinationsmängeln der Planwirtschaft - die Ausbildung weniger auf den vorhandenen Sachkapitalstock abgestimmt war, sondern mehr politischen Kalkülen Rechnung trug. Die Komplementarität beider Produktionsfaktoren ist aber unabdingbare Voraussetzung für eine Ausnutzung der Wettbewerbsvorteile in humankapitalintensiven Produktionen. Eine zukünftige Spezialisierung auf humankapitalintensive Produktionen, wie sie das Neo-Faktorproportionentheorem (s.o.) impliziert, ist aufgrund dieser Besonderheit im Fall der ehemaligen Planwirtschaften nicht ohne weiteres vorherzusagen:

Eine hohe Humankapitalausstattung im Sinne des Modells erfordert erstens die Adäquanz von Ausbildungsstand und dem vorhandenen Realkapitalstock einer Volkswirtschaft. Ob beispielsweise ein mittelosteuropäischer Arbeitnehmer aufgrund seiner Ausbildung befähigt wäre, sich schnell das notwendige Wissen zur Bedienung einer modernen Maschine anzueignen, ist im vorhinein nicht absehbar. Zweitens erfordert die internationale Arbeitsteilung in zunehmendem Maße die Kenntnis von Kommunikations- und Dienstleistungsfähigkeiten, die in Mittelosteuropa vormals nur in Ansätzen vorhanden waren. Drittens bezieht der Humankapitalbegriff auch organisatorische Kenntnisse mit ein, die zur Leitung eines Unternehmens, zur effizienten Gestaltung der Produktion oder auch zur erfolgversprechenden Vermarktung der Produkte befähigen. Auch diese Fertigkeiten waren in den Planwirtschaften kaum gefragt.

Der ermittelte Ausbildungsstand wird hier daher als ein potentieller Produktionsfaktor angesehen, der Chancen für die Zukunft beschreibt. Er erlaubt eine Spezialisierung Mittelosteuropas im Sinne des Modells, wenn seine marktgerechte Allokation möglich ist. Handelsvorteile bei humankapitalintensiven Fertigungen mögen somit erst nach abgeschlossener Transformation und vor allem mit der verstärkten Einbindung in die internationale Arbeitsteilung zu verwirklichen sein. Die Bedeutung, die dabei dem Technologietransfer und der Kapitalbildung im Rahmen der Gütermarktintegration mit der EU zukommt, ist Gegenstand der folgenden Ausführungen.

 

b. Außenhandel und technologische Entwicklung

Im Vergleich zum Faktorproportionentheorem geben neuere außenhandels- und wachstumstheoretische Modelle die Annahme gleicher Produktionsfunktionen der Länder auf. Sie heben technologische Entwicklungsunterschiede als Hauptursache für Außenhandel und handelsinduziertes Wachstum hervor.

Technologie umfaßt die Gesamtheit des für die Produktion relevanten Wissens. Da sich dieses Wissen zwischen Volkswirtschaften unterscheidet, beeinflußt es den Handel in vielfältiger Weise. Ist das Wissen in einem Land deutlich höher, d.h., ist die Volkswirtschaft technologisch weiter fortgeschritten, so entstehen bei der Marktöffnung in der Regel Wettbewerbsvorteile gegenüber dem weniger entwickelten Land.

Im Verlauf der Untersuchung wurde bereits ersichtlich, in welchem Umfang die höhere Technologieausstattung den Handel zwischen der EU und den Visegrádstaaten berührt: die Erfindung neuer Produkte schafft Verfügbarkeitsvorteile; ferner tragen Innovationen zur Verbesserung der Produktqualität sowie zu ihrer nachfrageorientierten Differenzierung bei. Durch einen fortgeschrittenen technologischen Wissensstand können Produktionsverfahren effizienter gestaltet und kostspielige Vorprodukte substituiert werden. Dies erlaubt den Produzenten, die Waren zu günstigeren Preisen auszuführen. Die Steigerung der Produktionseffizienz ermöglicht zudem eine Kompensation von faktorausstattungsbedingten Lohnkostenvorteilen des Handelspartners. Eine Spezialisierung gemäß den Schlußfolgerungen des Faktorproportionentheorems wäre durch technologische Entwicklungsunterschiede somit umkehrbar.

Die beschränkte Verfügbarkeit technischen Wissens ermöglicht dem Innovator, die entsprechende Produktion und die Ausfuhr zu monopolisieren. Je nachdem, wie groß die technologische Lücke zum Handelspartner ist, kann sich der Wettbewerbsvorteil auf prinzipiell alle handelbaren Güter beziehen. Zudem sind neu erfundene Produkte zumeist durch eine vergleichsweise hohe Wertschöpfung charakterisiert.

Die EU konnte ihre technologische Überlegenheit zur Zeit des Eisernen Vorhangs gegenüber den mittelosteuropäischen Ländern immer weiter ausbauen. Aufgrund dieser deutlichen Differenz dürfte die Technologie den Handel zwischen beiden Wirtschaftsräumen nachhaltig beeinflussen. Damit ist jedoch nicht vorausgesagt, daß sie sich nur zum Vorteil der EU oder sogar im Ausbau ihrer Handelsvorteile niederschlagen wird. Eine Reihe von Ökonomen vermutet, daß die Reformländer aufgrund ihres hohen Humankapitalbestandes in der Lage sein werden, auch technologisch anspruchsvollere Güter zu produzieren. Neben einer wachsenden Fähigkeit zu eigenen Innovationen sei der grenzüberschreitende Technologietransfer dabei von entscheidender Bedeutung. Dieser Voraussage liegt die Annahme zugrunde, daß westliche Technologie in Mittelosteuropa nutzbar ist, also deren Ausbildung ohne größere Friktionen der veränderten Produktion angepaßt werden kann.

In den Jahrzehnten planwirtschaftlicher Ordnung konnte der - beispielsweise im Vergleich zu den Entwicklungsländern - relativ hohe Ausbildungsstand Mittelosteuropas nicht in vollem Umfang für ertragbringende Produktionen genutzt werden. Hauptproblem war die Schnittstelle zwischen technischem Wissen und seiner marktgerechten, produktiven Verwendung (s.o.). Neben diesen Problemen behinderte die Planwirtschaft aber zugleich auch den Technologietransfer von außen. Die mangelnde Fähigkeit zu eigenen Innovationen und auch zur Adaption externen Wissens hatte mehrere Ursachen: Die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten konzentrierten sich auf Prestigeobjekte und den militärischen Bereich; institutionelle Barrieren behinderten die Übernahme überlegener Technologien; sowohl die Handelspolitik der EU als auch die des RGW isolierten die beiden Wirtschaftsräume voneinander.

Demgegenüber ermöglicht die Gütermarktintegration Mittelosteuropas mit der EU neben dem freien Warenhandel auch einen freien Transfer von technologischem Wissen. Es gibt mehrere Wege, auf denen technologisches Wissen zwischen Handelspartnern ausgetauscht werden kann. Es kann über Lizenzen, Patente oder Know-how erworben werden, weiterhin ist es objektgebunden in Form von Maschinen, Ausrüstungen oder als schlüsselfertige Fabrik übertragbar. Eine häufig wahrgenommene Möglichkeit ist die Weitergabe der Technologie durch Direktinvestitionen bzw. multinationale Unternehmen. Im folgenden steht die mögliche Imitation von Produkten bzw. von Produktionsverfahren seitens der Visegrádstaaten im Vordergrund. Der Transfer im Rahmen grenzüberschreitender Investitionen ist Gegenstand von Kapitel 5.3.

 

c. Theoretische Ansätze zum Technologietransfer

Theoretisch ist die Beziehung zwischen Güterhandel und dem internationalen Technologietransfer noch nicht abschließend geklärt. Die drei hier zugrunde gelegten Ansätze der Technologischen Lücke, des Produktzyklus und der Technologietransfer-Hypothese beschreiben den Erwerb von technischem Fortschritt in dynamischer Perspektive. Der durch technischen Fortschritt erworbene komparative Vorteil verschafft dem Innovator eine Monopolstellung im Außenhandel, die aufgrund von Diffusionsprozessen aber nur temporärer Art ist. Die theoretischen Ansätze beantworten in unterschiedlicher Form, ob und in welcher Form die in der EU erfundenen Produkte und Produktionstechnologien auch von den Visegrádstaaten hergestellt bzw. angewandt werden könnten.

Der Ansatz des ‘Technological-Gap-Trade’ (Posner 1961) beschreibt die auf Produkt- und Verfahrensinnovationen beruhenden dynamischen komparativen Handelsvorteile. Ein Unternehmen des Inlands bringt ein neues Gut auf den Markt, das einen monopolistischen Verfügbarkeitsvorteil temporärer Art induziert. Eine Überlebenschance der konkurrierenden Anbieter liegt in einer erfolgreichen und möglichst zügigen Nachahmung des Produkts. Bis das Produkt durch das imitierende ausländische Unternehmens angeboten werden kann, vergeht eine gewisse Zeit (‘Imitation Lag’). Diese ist umso kürzer, je höher die Wettbewerbsintensität der jeweiligen Branche ist.

Der Produktzyklusansatz nach Vernon (1966) und Hirsch (1967) basiert in Teilen auf dem Ansatz der Technologischen Lücke. Diese dynamisierte Form der Standorttheorie baut auf den vier Phasen des Lebenszyklus eines Gutes (Entwicklungs-, Wachstums-, Reife- und Schrumpfungsphase) auf. Die sich im Zeitverlauf ergebende Schwerpunktverlagerung von kleinen Losgrößen hin zur Massenproduktion und damit zugleich von humankapitalintensiver zu eher arbeits- bzw. sachkapitalintensiver Produktion induziert nach Vernon häufig eine funktionale Spaltung der Standorte. Die für die Innovation erforderlichen Standortvoraussetzungen werden demnach nur von den hochentwickelten Volkswirtschaften erfüllt. Tritt das Produkt in die nächsten Phasen, so verändert sich die Nachfrage- und Gewinnsituation. Die monopolistischen Verfügbarkeitsvorteile können bei der Produktionsverlagerung vom niedriger entwickelten Land nicht übernommen werden: Das Technologiegut ändert seinen Charakter und wird zum standardisierten Produkt mit hohem Preiswettbewerb. Eine solche Art der Imitation ist für Mittelosteuropa weniger günstig, da sich die Produktion technologieintensiver Güter -  in der gewinnträchtigen Phase - weiterhin in der EU konzentrieren würde.

Die von Vernon 1979 entwickelte Technologietransfer-Hypothese hält dagegen eine frühzeitige Imitation neu erfundener Produkte oder Verfahren für möglich. Der Ausbau der Infrastruktur und die Senkung der Informationskosten in integrierenden Räumen führen demnach dazu, daß der internationale Handel mit forschungsintensiven Gütern zunehmend durch den Austausch von technischem Wissen ersetzt wird. Forschung und Produktion müßten also nicht unbedingt am gleichen Standort stattfinden. Insoweit kommt der Ansatz zu einem anderen Ergebnis als die Produktzyklus-Hypothese, die von einer nur begrenzten Möglichkeit des Wissenstransfers ausgeht und daher eine Konzentration technologieintensiver Produktionen im höher entwickelten Land voraussagt.

Durch eine güterspezifische Differenzierung technologieintensiver Produktionen könnte der Widerspruch zwischen beiden letztgenannten Ansätzen aufgehoben werden. Nach Klodt (1987) gibt es im wesentlichen zwei Hindernisse für die Mobilität technischen Wissens: Die Kosten der Wissensübertragung sind zu hoch, oder die Entstehung von technischem Know-how ist komplementär mit dem Einsatz qualifizierter Arbeitskräfte in der Produktion verbunden. Da die Kosten der Wissensübertragung zunehmend sinken, sei vornehmlich der zweite Fall von Bedeutung. Zum Technologietransfer und damit zur Produktionsverlagerung kommt es demnach in den Gütergruppen, in denen eine Trennung von Forschung und Produktion möglich ist - hauptsächlich Technologieerzeugnisse mit weitgehend eingefahrenen Herstellungsmethoden. Auf die Gütergruppen, bei denen eine Standortaufteilung von Forschung und Produktion nicht möglich ist, sei dagegen Vernon’s Technologietransfer-Hypothese nicht übertragbar. Klodt (1990) verwendet hier in Anlehnung an Giersch (1979) die Begriffe ‘mobile und immobile Schumpeter-Industrien’.

Dies würde für die Visegrádstaaten zum einen bedeuten, daß ihre Unternehmen in der EU erfundene technologieintensive Güter im Zuge der Marktöffnung zum Teil relativ rasch imitieren könnten. Güter der immobilen Schumpeter-Industrien, d.h. technologisch besonders anspruchsvolle Erzeugnisse, würden dagegen - zumindest vorerst - weiterhin allein von westeuropäischen Produzenten erzeugt und angeboten.

 

d. Bedeutung des Technologietransfers für Mittelosteuropa

Die Vollendung der Systemtransformation und die außenwirtschaftliche Liberalisierung könnten nach den vorgestellten theoretischen Ansätzen einen Beitrag zum ‘Catch-up-Prozeß’ in Mittelosteuropa leisten. Die Produktion technologisch anspruchsvollerer Güter würde den Ländern einerseits dazu verhelfen, die zur Zeit noch einseitigen sektoralen Handelsstrukturen mit der EU zu überwinden und den intra-industriellen Austausch zu verstärken (vgl. auch Abschnitt 4.3.6). Andererseits bildet der Transfer von Technologie eine Grundlage für den Wachstumsprozeß und eine eigene unternehmerische Dynamik in den Reformländern. Durch eine Gütermarktintegration wird die Technologieübertragung nachhaltig erleichtert. Die Einfuhr hochentwickelter Investitionsgüter, der Lizenzerwerb, aber auch die Imitation von westlichen Erzeugnissen, erlaubt einen Anschluß an den Entwicklungsstand der EU.

Ausschlaggebend für eine Verlagerung der Produktion technologischer Güter ist vornehmlich die Faktorausstattung der am Handel beteiligten Länder. So dürfte die derzeitig breite und kostengünstige Verfügbarkeit von Arbeit ein Grund für die Verlagerung arbeitsintensiver Produktionen im Rahmen des Produktlebenszyklus sein. Neu erfundene Güter, wie beispielsweise Waren der Konsumelektronik, könnten nach Eintritt in die Reifephase von Unternehmen der Reformländer produziert und angeboten werden. Wie angesprochen, ist eine solche Form der Produktionsverlagerung zwar wachstumsfördernd, aber für einen nachhaltigen Catch-up-Prozeß kaum ausreichend.

Für eine Produktion technologieintensiver Güter in einer frühen Phase des Lebenszyklus spielt die Humankapitalausstattung des Landes eine entscheidende Rolle. Geht man - wie von einigen Studien unterstellt - davon aus, daß westliche Technologie durch die ausgebildeten Arbeitskräfte Mittelosteuropas ohne großen Umschulungsaufwand genutzt werden kann, so liefert der Technologietransfer aus der EU den vorher nicht verfügbaren komplementären Faktor zum Humankapital der Visegrádstaaten. Ein relativ hoher Humankapitalbestand, gepaart mit niedrigen Arbeitskosten, böte somit große Chancen, auch anspruchsvolle Technologiegüter zu produzieren und damit die Arbeitsproduktivität zu steigern.

Es ist zu vermuten, daß die Anwendbarkeit des osteuropäischen Know-hows nicht bei allen Technologiegütergruppen in gleicher Weise gewährleistet ist. Eine Verlagerung von Warengruppen technologisch mittlerer Kategorie dürfte, da die Anpassung der Ausbildung an die verlangten Produktionsmethoden in der Regel weniger aufwendig ist, relativ rasch möglich sein. Dagegen ist eine Produktion von Gütern des Hochtechnologiebereiches in den Visegrádstaaten auf kurz- bis mittelfristige Sicht nicht wahrscheinlich. Diese Güter sind durch hochqualifizierte Arbeitskräfte in der Produktion charakterisiert, bei der die Forschung und Entwicklung einen integralen Bestandteil des Produktionsprozesses bilden. Die Fertigung dieser Güter, sei es durch Imitation, Lizenzerwerb oder eigene Erfindung, wird in Mittelosteuropa erst möglich sein, wenn die Institutionen mit den Erfordernissen des integrierten Marktes in Einklang gebracht worden sind. Diese Institutionen umfassen - neben der bereits angesprochenen Anpassung der Qualifikation an den neuen Sachkapital- und Technologiebestand - vor allem die Etablierung der notwendigen marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die effiziente Organisation der Unternehmen.

Langfristig ist für die Produktions- und Exportentwicklung in Mittelosteuropa die Entfaltung einer eigenständigen unternehmerischen Dynamik erforderlich. Ein hoher Humankapitalbestand kann zu einer solchen Dynamik einen erheblichen Beitrag leisten. Er regt sowohl die Partizipation am als auch die eigenen Bemühungen zum technischen Fortschritt an. Fisch (1993) hebt hervor, daß bereits eine Imitation von ausländischen Erzeugnissen Anstrengungen der Unternehmen in den Peripherieländern erfordere: "In einem Prozeß der kreativen Imitation sollten über den Import neuer Technologien und deren Anpassung an die regionalen Besonderheiten bestehende Strukturen sowie ‘regiospezifische’ Vorteile zu technologisch wettbewerbsfähigen Industriezweigen aufgewertet werden."  Die Eigenanstrengung der Produzenten der Peripherieländer zeichne sich dadurch aus, daß die imitierte Technologie differenziert und sinnvoll mit bestehenden Strukturen verflochten wird. Sie sei notwendig, um sich gegenüber den anderen Schwellen- und Entwicklungsländern abzuheben.

Solche kreative Imitationen dürften den ehemaligen Planwirtschaften aber erst dann möglich sein, wenn die Produzenten neben dem notwendigen technologischen Know-how zugleich über breite Kenntnisse marktwirtschaftlicher Gesetzmäßigkeiten verfügen.

Neben der Eigenanstrengung der Produzenten beeinflußt die nationale Wirtschaftspolitik die Partizipation Mittelosteuropas am weltwirtschaftlichen Geschehen. Im Zusammenhang mit dem Import von Technologie muß sie insbesondere die notwendige Infrastruktur zur Verfügung stellen. Konkret bedeutet dies neben der Sicherung des freien Wettbewerbs eine Förderung der Ausbildung und ihre Anpassung an die im integrierten Markt erforderliche Struktur sowie die Unterstützung eines beschleunigten Wissenstransfers (vgl. auch Kap. 6.3).

Zusammenfassend ergibt sich, daß im Rahmen der Gütermarktöffnung dem internationalen Technologietransfer für den Erholungs- und Wachstumsprozeß Mittelosteuropas eine herausragende Bedeutung zukommt. Umfang und Qualität des zukünftigen Technologietransfers werden in signifikantem Zusammenhang mit dem Humankapitalstock der Reformländer stehen. Die zentrale Frage setzt sich mit der Anwendbarkeit der vorhandenen Ausbildung in bezug auf westliche Technologie auseinander. Als Hypothese läßt sich formulieren: Je friktionsloser eine Anpassung der Ausbildung verlaufen wird, desto eher wird ein Zustrom auch anspruchsvoller Technologie (genauer: technologischen Wissens) möglich sein.

Somit könnte sich die Humankapitalausstattung der vier EU-Anwärter neben der Entwicklung der Arbeitskosten als entscheidender strategischer Parameter für den Wachstumsprozeß und den Anstieg der Arbeitsnachfrage erweisen. Aus diesem Grund wird der Zusammenhang zwischen Humankapital und Technologie in den folgenden Kapiteln weiter im Blickpunkt stehen.

 

4.3.5 Sektorale Importentwicklung als Indikator für handels-
induziertes Wachstum

Auch die sektorale Importentwicklung hat Einfluß auf die Produktionsentwicklung in Mittelosteuropa. In Abschnitt 4.3.2 wurde ausgeführt, daß sich der kurzfristig zu beobachtende Trend einer importlastigen Handelsausweitung bei vollständiger Integration der Gütermärkte zunächst fortsetzen könnte. Die Berücksichtigung der Importentwicklung ist hier aus zwei Gründen sinnvoll: Zum einen können die Importe aus der EU heimische Produktionen verdrängen und dadurch den Spezialisierungsprozeß und den Strukturwandel in den Reformstaaten fördern. Zum anderen kann die sektorale Struktur der Einfuhren Einfluß auf die langfristige Produktionsstruktur der Visegrádstaaten ausüben.

In der Theorie finden sich bezüglich des Importüberhangs unterschiedliche Auffassungen. Auf der einen Seite wird argumentiert, ein negativer Leistungs- bzw. Handelsbilanzsaldo sei Ausdruck einer Ungleichgewichtssituation und der mangelnden Dynamik einer Volkswirtschaft. Er sei auf Dauer mit ungünstigen Wirkungen für die heimische Produktion und Arbeitsnachfrage verbunden. Demgegenüber hebt die intertemporale Theorie der Leistungsbilanz hervor, daß Leistungsbilanzsalden nicht als Ungleichgewichte im normativen Sinn, sondern als Ausdruck einer effizienten Kapitalakkumulation anzusehen sind. So zeigen die Erfahrungen, daß steigende Leistungs- bzw. Handelsbilanzdefizite ein Kennzeichen des Aufholprozesses geringer entwickelter Volkswirtschaften sind.

Übersteigt in Mittelosteuropa, wie angenommen, die inländische Absorption die heimische Produktion, so nehmen die Importe der Reformländer im Fall einer Gütermarktintegration stärker als ihre Ausfuhren zu. Sie müssen sich - soweit Übertragungs- und Dienstleistungsbilanz das Handelsbilanzdefizit nicht ausgleichen - im Ausland verschulden. Die Konsumneigung ist so hoch, daß die Nachfrage bereit ist, die Zinslast zu tragen.

Die Importgüter lassen sich in zwei Gruppen mit unterschiedlicher Verwendungsart unterscheiden: in Verbrauchsgüter und Investitionsgüter. Im ersten Fall benötigen die Visegrádstaaten das Kapital zur Finanzierung des erheblichen Nachholbedarfs im konsumptiven Bereich; im zweiten Fall benötigen die Unternehmen Kapital zum Aufbau einer international wettbewerbsfähigen Industrie, vornehmlich zum Import von Kapitalgütern. Die erwartete Rendite solcher Investitionen ist höher als die zu tragende Schuldenlast.

Importiert Mittelosteuropa vornehmlich Verbrauchsgüter aus der EU, so geraten die Länder - ähnlich wie viele Entwicklungsländer - in die Gefahr einer Verschuldungskrise, da sie die Mittel nicht zum Aufbau ihrer Produktion und damit auch nicht zur langfristigen Steigerung ihrer Exporte aufwenden. Auf der anderen Seite kann eine verstärkte Einfuhr von Investitionsgütern als Grundlage für ein Wachstum der heimischen Produktion, auch technologisch anspruchsvoller Güter, dienen. Die Kapitalakkumulation und die Zunahme der Exporte erlauben langfristig die Rückzahlung der Auslandsschulden.

Auch bei der Süderweiterung der EG konnte eine überproportionale Importzunahme der drei neuen Mitgliedsländer aufgezeigt werden (vgl. 4.2.2). Während es in Griechenland gleichzeitig zu einer - im EG-Vergleich - deutlichen Zunahme seiner Konsumquote kam, stiegen in den iberischen Länder die Investitionen stärker (vgl. Kap. 2.2.2). Insbesondere für Portugal läßt sich folgern, daß die Importneigung stärker als im Fall von Griechenland durch den Bedarf an Investitionsgütern bestimmt war.

Insoweit ist eine zu erwartende importlastige Handelsausweitung der Visegrádstaaten mittel- bis langfristig nicht notwendigerweise nachteilig. Die Einfuhr von Kapital- und Technologiegütern ermöglicht den Aufbau eines effizienten und den Markterfordernissen entsprechenden Kapitalstocks. Des weiteren ist sie eine Form des Technologietransfers (vgl. 4.3.4). Die Wirtschaftssubjekte erhalten die Chance, die in den Kapitalgütern implementierte Technologie zu erlernen. Auf diese Weise kann der vergleichsweise hohe Humankapitalbestand genutzt und weiter ausgebaut werden. Langfristig dürfte eine derartige Importausweitung somit auch eine Funktion für eine dauerhafte Ausweitung von Produktion und Arbeitsnachfrage in Mittelosteuropa haben.

 

 

4.3.6 Alternative Erklärungen von Handelsvorteilen und Chancen zu einer Ausweitung des intra-sektoralen Güteraustausches

In den bisherigen Ausführungen standen Handelsvorteile aufgrund der relativen Faktorausstattung im Vordergrund. Es kam bereits zum Ausdruck, daß eine ausschließliche Spezialisierung der Visegrádstaaten auf arbeitsintensive Produktionen zwar wachstumsfördernd, aber auch mit spezifischen Nachteilen verbunden wäre (vgl. 4.3.4). Für den Wachstums- bzw. Konvergenzprozeß Mittelosteuropas ist es erforderlich, unabhängig von seiner relativen Faktorausstattung in Produktionsbereiche einzudringen, die bisher vornehmlich den Kernländern der EU vorbehalten waren. Neben den intensivierten inter-industriellen Handel müßte der verstärkte Güteraustausch innerhalb von Produktionssektoren, d.h. der Handel ähnlicher Güter treten. Intra-industriellen Handel definiert Grubel (1970) als Austausch von Gütern, die sich nach Gebrauch, Herstellung oder beidem weitgehend substituieren. Bucher et al. (1994) sehen die Intensität des intra-industriellen Handels zudem als Proxy-Größe zur Ermittlung des Integrationsgrades verschiedener Volkswirtschaften. Der Technologietransfer als komplementärer Faktor zum Humankapital erlaubt eine Spezialisierung auf höherwertige Produktionen und zeigt somit einen Weg, wie es Mittelosteuropa gelingen kann, den intra-sektoralen Handel mit der EU auszuweiten. Im folgenden sollen weitere Aspekte neuerer theoretischer Ansätze vorgestellt werden, die die zukünftige Entwicklung des intra-sektoralen Güteraustausches zwischen den beiden Wirtschaftsräumen beleuchten.

 

a. Intra-industrieller Handel im Prozeß der EG-Süderweiterung

Im Raum der Europäischen Gemeinschaft war mit zunehmender Integration der Märkte auch ein Anstieg des intra-industriellen Güteraustausches verbunden. Ihm wurden vor allem im Rahmen des Binnenmarktprogramms (1985) erhebliche Wachstumsimpulse zugesprochen.

Durch die Aufnahme der südeuropäischen Länder wurden Volkswirtschaften in einem Markt zusammengeschlossen, die wirtschaftlich sehr unterschiedlich entwickelt und durch eine andersartige Faktorausstattung gekennzeichnet waren. Auch insoweit können die Erfahrungen der EG-Süderweiterung nützliche Hinweise für eine Gütermarktintegration von EU und Mittelosteuropa liefern.

Inwieweit sich die Handelsspezialisierung ausschließlich nach Kriterien der relativen Faktorbestände ausprägte, läßt sich mit Hilfe des Grubel-Lloyd (IIT)-Index aufzeigen. Die IIT-Ziffern geben Aufschluß darüber, ob sich der Handel zwischen den Ländern hauptsächlich zwischen unterschiedlichen Sektoren oder innerhalb von Wirtschaftszweigen vollzog. Tab. 4c verdeutlicht, daß der Güteraustausch Griechenlands und Portugals mit der EG hauptsächlich inter-industriell, der Spaniens vorwiegend intra-industrieller Art war.

Tab. 4c: Entwicklung der IIT-Indices (Industrie- und Landwirtschaftssektoren) und des Pro-Kopf-BIP, EUR3, 1977-92

GR

PG

E

IIT-Index

Pro-Kopf-BIP*

IIT-Index

Pro-Kopf-BIP*

IIT-Index

Pro-Kopf-BIP*

1977

0,29

48,3

0,30

31,2

0,51

58,0

1980

0,34

42,1

0,36

27,5

0,57

58,2

1983

0,30

44,4

0,38

27,6

0,57

51,3

1986

0,31

36,5

0,42

28,9

0,59

55,2

1989

0,31

36,0

0,41

32,2

0,64

68,4

1992

0,31

36,8

0,44

43,5

0,63

70,9

* Dem Indikator liegt das BIP, berechnet in ECU, zugrunde. Die nationalen Daten wurden ins Verhältnis zum durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen der EG gesetzt.

Berechnet nach: EUROSTAT 1994 und Europäische Kommission 1995 (d)

Der IIT-Index zeigt signifikante Unterschiede in der Entwicklung der Handelsstrukturen der südeuropäischen Länder. Griechenland konnte die Anteile des intra-industriellen Handels seit 1977 kaum steigern. Die iberischen Länder hingegen dehnten den Güterhandel innerhalb von Branchen aus. Die intra-industrielle Produktdifferenzierung gewann als expansiver Faktor der Handelsbeziehungen im Zuge der Integrationsentwicklung erheblich an Bedeutung. Spanien hatte in dieser Hinsicht eine ‘Vorreiter-Position’ im Vergleich zu Portugal. Mit dem Umfang und der expansiven Entwicklung des intra-industriellen Handels korrelierte die Rangordnung der Pro-Kopf-BIP der südeuropäischen Länder, wie sie in der zweiten Spalte in Tab. 4c ausgewiesen ist.

Als Kernaussagen lassen sich festhalten: (1) wie in den Zentralländern der EU fand auch in den iberischen Ländern die Handelsausweitung im Zuge der Gütermarktintegration in großem Umfang innerhalb von Sektoren statt; (2) das Wachstum der relativen Einkommen korrelierte positiv mit der Entwicklung des intra-industriellen Austausches mit den Kernländern der EU.

 

b. Neuere theoretische Ansätze zur Erklärung des intra-sektoralen Handels

Neuere handelstheoretische Modelle beschreiben das Zustandekommen von intra-industriellem Handel und liefern alternative Erklärungen für die Herausbildung von Handelsvorteilen bei Integration der Gütermärkte. Sie zeigen auf, daß neben der Faktorausstattung andere Merkmale wie steigende Skalenerträge, die Differenzierung von Produkten und der Nachfrage, abweichende Produktionstechnologien oder Transportkosten eine große Rolle spielen.

Hier interessiert, inwieweit die Visegrádstaaten in Zukunft verstärkt am intra-industriellen Handel mit der EU beteiligt werden. Langfristiges Ziel sollte es sein, die handelsbezogenen Deckungsraten vor allem im Bereich höherwertiger Erzeugnisse zu verbessern.

Die zunehmende Regionalisierung des Welthandels  trug zu einer Nivellierung der Außenhandelstheorie bei: Moderne Ansätze befassen sich mit der Relevanz und den wechselseitigen Einflüssen der Regional- und Industrieökonomie auf die Außenwirtschaft. Die Beseitigung der noch bestehenden Handelsbeschränkungen führt demnach zu einer Integrationsstufe, die eine Betrachtung von Nationalstaaten erübrigt und den Blickwinkel auf die disaggregierte Ebene der Region oder der Branche bis hin zur einzelnen Unternehmung lenkt. Daraus ergeben sich für den Wettbewerb andere Implikationen als in der traditionellen Außenhandelstheorie.

Unter Bezugnahme auf Modelle von Giersch (1949), Myrdal (1959) und anderen war es vor allem Krugman (1991), der auf die regionalökonomischen Implikationen von Ballungsräumen für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen hinwies. Demnach entstehen aufgrund positiver Externalitäten regionsbezogene Vorteile für die Produzenten, die sich aus der Agglomeration ökonomischer Aktivität in einem bestimmten geographischen Raum ergeben.

Aufgrund der Konzentration der Produktion im Kernraum der Europäischen Union konnte sich eine Reihe von Vorteilen entwickeln, die kurz- bis mittelfristig preisliche und qualitative Produktionsvorsprünge gegenüber den Visegrádstaaten begründen mögen (vgl. auch 4.3.2). Der vergleichsweise große Markt erlaubt den Unternehmen die Verwirklichung statischer und dynamischer Skalenerträge, die Potentiale zur Preissenkung bieten. Durch die Konzentration vieler Unternehmen können Zuliefer- und Absatzkosten verringert werden. Weitere positive Synergieeffekte entstehen durch den Ausbau der Infrastruktur im Agglomerationszentrum der Union; dazu zählen beispielsweise ein gut funktionierendes Verkehrsnetz oder die Zugriffsmöglichkeit auf hochqualifizierte Arbeitskräfte. Posner (1961) weist zudem auf das gute Wettbewerbsumfeld im Agglomerationsraum hin, das die Innovationstätigkeit erhöht und die Technologiediffusion verbessert.

Aus den Ansätzen der Industrieökonomie lassen sich weitere Argumente ableiten, die Preis- und Qualitätsvorteile bei ähnlichen Gütern begründen können. Auch nach Porter (1990) konkurrieren nicht global Nationen auf den Weltmärkten. Er rückt Unternehmen bzw. Branchen in den Blickpunkt. Neben dem regionalen Umfeld spielen branchenspezifische Faktoren bei der Schaffung und Sicherung von internationalen Wettbewerbsvorteilen eine große Rolle. Porter kommt zu der Erkenntnis, daß diese branchenspezifischen Faktoren in bestimmten Regionen besonders günstig ausgeprägt sind.

In seinem ‘Diamant’-Konzept werden bekannte Argumente aus älteren Ansätzen geordnet und weitere Faktoren in die Analyse einbezogen. Sowohl die Qualität der Inlandsnachfrage als auch die Wettbewerbsstruktur der Branche beeinflussen die Innovationsfähigkeit und Effizienzsteigerung der Unternehmen. Die Schaffung internationaler Wettbewerbsvorteile wird durch die brancheninterne Konkurrenz der Unternehmen und auch durch Formen der Zusammenarbeit gefördert. Über die vertikale und horizontale Koordination der Unternehmen können Aufwertungs- und Verbesserungsprozesse in Gang gesetzt werden. Von großer Bedeutung ist die Existenz von Netzwerken. Wirksame Informationssysteme sowie die Verflechtung von Unternehmen auf Beschaffungs-, Zulieferer- und Absatzmärkten begründen erhebliche Vorteile für die Produzenten einer Region gegenüber außenstehenden Anbietern.

 

c. Circulus Vitiosus bei einer Gütermarktintegration Mittelosteuropas mit
der EU ?

Die aufgezeigten Faktoren legen zunächst den Schluß nahe, daß die Unternehmen der EU insbesondere bei Produkten mit höherer Wertschöpfung auch kurzfristig Wettbewerbsvorteile gegenüber Mittelosteuropa haben werden. Eine Ausweitung des intra-sektoralen Handels seitens der Visegrádstaaten wäre - zumindest kurz- bis mittelfristig - nur begrenzt möglich. Eine Reihe von Vorteilen konstituiert sich aus der unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der beiden Wirtschaftsräume in der Vergangenheit. Sie verhalfen der EU zu einer günstigeren Ausgangslage bei der Öffnung der Gütermärkte. Insbesondere die mangelnde Funktionsfähigkeit der Wettbewerbsmechanismen in den ehemaligen Planwirtschaften führte dazu, daß weder regionale Ballungsvorteile genutzt noch die potentielle Konkurrenz innerhalb der Branchen produktiv umgesetzt werden könnten. Die Marktöffnung zur EU schafft für mittelosteuropäische Unternehmen zusätzlich das Problem, daß man nicht über nach Westen gerichtete Netzverbindungen aus früherer Zeit verfügt. Demgegenüber stellen die existenten Netzwerke der EU-Unternehmen ein nicht zu unterschätzendes Markteintrittshemmnis für die Reformstaaten dar.

Die Regionalökonomie kommt in ihren Divergenzmodellen zu dem Schluß, daß sich Regionen mit Ausgangsvorteilen im Wettbewerb auch in Zukunft durchsetzen werden. Daraus würde eine weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in den benachteiligten Volkswirtschaften resultieren. Auf der anderen Seite verdeutlicht das Beispiel der iberischen Länder, daß eine Integration unterschiedlich entwickelter Länder erfolgreich verlaufen kann. Trotz der Vergrößerung des Leistungsbilanzdefizits konnten die südeuropäischen Länder in Produktbereiche vordringen, die bis dahin vorwiegend der EU vorbehalten waren. Der Ausbau des intra-industriellen Handels ging mit einem Anstieg der relativen Einkommen einher.

Es gibt also - insbesondere bei der Gegenüberstellung mit dem eher ungünstigen Verlauf in Griechenland - bestimmte Voraussetzungen, die in Zukunft auch eine verstärkte Beteiligung der Visegrádstaaten am brancheninternen Handel ermöglichen. In Abschnitt 4.3.4 wurde als entscheidender Faktor die Bedeutung des Technologietransfers im Zusammenhang mit der guten Humankapitalausstattung und den vergleichsweise niedrigen Arbeitskosten herausgestellt. Aus den obigen Ausführungen lassen sich weitere Voraussetzungen für eine Wettbewerbssteigerung der Unternehmen Mittelosteuropas ableiten: das Vorhandensein eines funktionstüchtigen Wettbewerbsumfeldes, einer geeigneten Infrastruktur und eines umfangreichen Netzwerks zwischen den Unternehmen, sowohl innerhalb der Reformländer als auch mit denen im Raum der EU. Daraus resultierende Synergieeffekte können die Eigendynamik des mittelosteuropäischen Wirtschaftsraumes fördern und zu Preissenkungen und andererseits Qualitätssteigerungen der Produkte führen. In diesem Zusammenhang kommt der Faktorwanderung eine wichtige Bedeutung zu (vgl. Kap. 5).

In seinen Modellen der ‘U’Kurve’ (s.o.) und der multiplen Zentren zeigt Krugman (1991), daß eine Ballung wirtschaftlicher Aktivität im Zentralraum der EU nicht auf Dauer Bestand haben muß. Der Zusammenschluß der Märkte von EU und Mittelosteuropa erforderte eine Disaggregation der Betrachtungsebene: Zum einen ist die Entstehung funktionstüchtiger ökonomischer Ballungsräume auch innerhalb Mittelosteuropas bzw. in den Grenzregionen möglich. Diese bieten den Produzenten eine größere Chance, wirksam mit den Unternehmen im Zentralraum der EU in Wettbewerb zu treten. Bereits heute zeichnen sich in der grenznahen Region ‘Slowakei -Niederösterreich’ oder in den tschechisch-deutschen Grenzräumen wirtschaftliche Konzentrationstendenzen ab. Andererseits implizieren solche regionalen Zentren Nachteile für deren peripheres Umland. Sowohl in Süd- als auch in Mittelosteuropa ist eine Vielzahl zurückgebliebener Regionen auszumachen, die der Gefahr unterliegen, ohne finanzielle Unterstützung weiter an Boden zu verlieren.

Schließlich sei an dieser Stelle auf die wichtige Rolle der Wirtschaftspolitik in den Visegrádstaaten hingewiesen. Auch in Porter’s ‘Diamant’-Modell nimmt sie eine zentrale Stellung ein. Ihre Aufgabe ist es, die nationalen ‘Diamanten’ aufzuwerten und zu dynamisieren.

 

 

 

4.4 Implikationen für die Arbeitsnachfrage

Die Erwartungen Mittelosteuropas an eine Gütermarktintegration mit der EU richten sich neben einer dauerhaften Belebung der Produktion auf einen Abbau seiner hohen Arbeitslosigkeit. Für die Visegrádstaaten bieten die sinkenden Tauschkosten, die effizientere Ressourcenallokation und vor allem die Teilhabe am hohen technologischen Entwicklungsstand der EU erhebliche Potentiale für ihren Wachstumsprozeß. Die wachsende wirtschaftliche Dynamik schafft zugleich Chancen für einen nachhaltigen Anstieg der globalen Nachfrage nach Arbeit.

Die sektorale Analyse macht dabei deutlich, daß die aus der Gütermarktintegration erwachsenden Impulse mit signifikanten Strukturverschiebungen der Arbeitsnachfrage einhergehen werden. Im Laufe der Zeit wird die Arbeitsnachfrage in einzelnen Sektoren bzw. Branchen zurückgehen, in anderen Bereichen kann sie infolge einer erfolgreichen Spezialisierung im Wettbewerb mit den Ländern der Union deutlich ansteigen.

Die relative Reichlichkeit an Arbeit und die niedrigen Lohnkosten bilden somit den Grundstein für eine Ausweitung der Arbeitsnachfrage in den Visegrádstaaten. Die Beschäftigungsbelebung bezieht sich vermutlich auf eine Reihe von Gütergruppen: auf generell arbeitsintensiv hergestellte Produktgruppen wie z.B. Bekleidung, auf Erzeugnisse mit arbeitsintensiven Teilfertigungen sowie auf Technologieprodukte in ihrer späteren Standardisierungsphase.

Gleichzeitig wird die Arbeitsnachfrage im Bereich rohstoff- und kapitalintensiver Gütergruppen weiter zurückgehen. Die Beschäftigung war in diesen Sektoren vorwiegend aus politischen Gründen relativ hoch (vgl. 4.3.3). Zum anderen dürften die mittelosteuropäischen Länder hier auf längere Sicht keine komparativen Vorteile aufweisen.

Wie aufgezeigt werden konnte, stellt die relative Reichlichkeit an Humankapital in Mittelosteuropa die geeignete Grundlage für einen erfolgreichen Technologieimport und damit längerfristig eine Ausweitung technologieintensiver Produktionen dar. Über den Umfang der künftig hergestellten Güterarten entscheidet in erster Linie die Qualität des vorhandenen Humankapitalstocks sowie seine Anwendbarkeit auf die westliche Technologie.

In dem Umfang, in dem die Wirtschaftssubjekte lernen, auf die Erfordernisse - insbesondere die Präferenzen - im integrierten Markt zu reagieren, wird auch die eigenständige Fertigung technolgieintensiver Produkte und die Entfaltung unternehmerischer Dynamik zunehmen. Da die Produktion technologieintensiver Güter vor der politischen Wende relativ gering bzw. auf militärische Erzeugnisse und vereinzelte Prestigeobjekte beschränkt war, ist hier demnach eine sukzessive Ausweitung der Arbeitsnachfrage möglich.

Abb. 4c faßt diese Hypothesen der sektoralen Arbeitsnachfrageverschiebung in Mittelosteuropa zusammen.

 

Abb. 4c: Potentielle sektorale Veränderungen der industriellen Arbeitsnachfrage in
Mittelosteuropa

Der Technologietransfer wirkt sich aber nicht nur auf die Produktion bisher nicht hergestellter technologieintensiver Güter aus. Der Import verbesserter Verfahrenstechnologien dürfte gleichzeitig zu einer erheblichen Rationalisierung der Produktionsprozesse führen. Er berührt voraussichtlich nahezu alle Produktionseinheiten in Mittelosteuropa. Die Wachstumstheorie unterscheidet zwischen dem arbeitssparenden, dem kapitalsparenden und dem neutralen technischen Fortschritt. Je nachdem, welche Art von Technologie in die Visegrádstaaten fließt, wird auch ein Abbau von Arbeitsplätzen gefördert. Gerade der ausgesprochene Überhang an Arbeitskräften in den Unternehmen der ehemaligen Planwirtschaften macht eine technologieinduzierte Arbeitsplatzrationalisierung - also einen Import arbeitssparender Technologie - wahrscheinlich.

Auch bezogen auf die drei Wirtschaftssektoren Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen ist davon auszugehen, daß die Gütermarktintegration mit der EU zu einer Forcierung der Nachfrageverschiebungen auf den Arbeitsmärkten beitragen wird. Die Visegrádstaaten, die durch einen hohen Anteil landwirtschaftlicher Beschäftigung gekennzeichnet sind, stoßen mit ihren Agarerzeugnissen auf einen Markt, der durch zahlreiche Preis- und Mengenregulierungen bestimmt und bereits seit längerer Zeit übersättigt ist. Die Intensivierung des Wettbewerbs dürfte eine Stillegung vieler landwirtschaftlicher Betriebe auf beiden Seiten zur Folge haben. Andererseits fördert ein erfolgreicher industrieller Umbau in Mittelosteuropa gleichzeitig die Tertiärisierung der Volkswirtschaften. Die Restrukturierung des Dienstleistungssektors - vor allem im Bereich unternehmensbezogener Dienstleistungen - bietet Chancen, in Zukunft viele Arbeitskräfte aufzunehmen.

Die Analyse zeigt, daß die durch eine Gütermarktintegration mögliche Belebung der Arbeitsnachfrage mit einem einschneidenden strukturellen Wandel der Beschäftigung verbunden sein wird: Aus den umfassenden handelsbedingten Veränderungen der sektoralen bzw. branchenbezogenen Produktionsstruktur resultieren entsprechend veränderte Strukturen der Arbeitsnachfrage; die importinduzierten Freisetzungskräfte sind in anderen Sektoren konzentriert als die exportinduzierten Nachfrageanstiege. Die Notwendigkeit der strukturellen Anpassung ist somit eine wesentliche Konsequenz der EU-Öffnung für die Wirtschaftssubjekte Mittelosteuropas. Der durch die Systemtransformation begonnene Strukturwandel wird durch die Gütermarktintegration mit den hochentwickelten Volkswirtschaften der EU weiter verstärkt. Die sektorale Verschiebung der Arbeitsnachfrage dürfte ferner Konsequenzen für die gewünschte Qualifikationsstruktur sowie die regionale Struktur der Beschäftigung haben (vgl. dazu ausführlicher Kap. 6).

 

 

 

 

 

4.5 Veränderung der sektoralen Handelsentwicklung in
empirischer Betrachtung

4.5.1 Ziele der empirischen Analyse

Nach der theoretischen Analyse der möglichen Export- und Importentwicklung Mittelosteuropas sollen im folgenden die relevanten empirischen Veränderungen der güterbezogenen Handelsstruktur aufgezeigt werden. Die Untersuchung von Ausfuhrschwerpunkten, Konzentrations- und Spezialisierungstendenzen im Handel mit der EU könnte bereits kurzfristige Belege für die in den vorangegangenen Abschnitten gewonnenen Erkenntnisse liefern.

In der Literatur liegen eine Reihe empirischer Beschreibungen der Handelsentwicklung Mittelosteuropas vor. An dieser Stelle geht es nicht um eine ausführliche Darstellung des Handels, sondern um die Überprüfung gezielter Fragen, die Implikationen für die Produktions- und Arbeitsnachfrageentwicklung haben. Die Fragen ergeben sich aus der bisherigen Analyse:

Der Untersuchung liegen die güterbezogenen Handelsdaten von Eurostat (1994) zugrunde. Dabei beschränkt sich die empirische Analyse auf die Waren der Industrie- und Landwirtschaftssektoren (Produzierendes Gewerbe). Eurostat stellt hier nach Gütergruppen differenzierte Handelsdaten zur Verfügung, die eine umfangreiche Untersuchung der temporären Handelsstrukturverschiebungen zwischen den mittelosteuropäischen Ländern und der EU ermöglichen. Insoweit der internationale Handel mit Gütern des Produzierenden Gewerbes überwiegt, ist diese sektorale Einschränkung hinzunehmen.

Die Grundlage der Güterklassifikation bildet die sog. Kombinierte Nomenklatur (CN). Für die folgende Analyse ist es zweckmäßig, die Güter auf unterschiedlichen Aggregationsebenen zu gruppieren. Grundebene ist hier die zweistellige CN, die aus 99 Gütergruppen (Gruppierung ‘CN99’) besteht. Diese wurde hier einerseits unterteilt gemäß den Kapiteln der Zollverordnung der EU (Gruppierung ‘CN18’). Für die Untersuchung der faktorbezogenen Handelsentwicklung wurde sie zum anderen entsprechend den jeweiligen Produktionsfaktor-Intensitäten gruppiert (Gruppierung ‘CN5’).

Wie oben angesprochen, ist die Aussagekraft datenbezogener Analysen in den ehemaligen Planwirtschaften derzeit noch deutlich eingeschränkt. Vor der politischen Wende wurden empirische Erhebungen, soweit sie mit den hier bekannten Methoden überhaupt vergleichbar waren, gezielt manipuliert. Diese Verzerrungen dürften sich noch in den Datenstrukturen der ersten Jahre nach dem Systemwechsel widerspiegeln. Die Betrachtung der Handelsentwicklung hat dabei den Vorteil, daß die Güterströme sowohl von den Behörden des Export- als auch des Importlandes festgehalten werden. Diese Gegenbuchhaltung sichert eine größere Validität der erfaßten Handelsdaten.

In Anbetracht der Kürze des hier untersuchten Zeitraumes (1989-93) sind zuverlässige Trends der güterbezogenen Handelsentwicklung noch kaum zu ermitteln. Die Datenreihen weisen bisher erkennbar deutliche temporäre Schwankungen auf. Ungeachtet dessen liefern die ermittelten Maßzahlen bereits einige verwertbare Hinweise auf die Handelsschwerpunkte der Visegrádstaaten und die umfangreichen Strukturverschiebungen, die die Reformländer im Zuge ihrer außenwirtschaftlichen Umorientierung zu bewältigen haben.

 

 

4.5.2 Güterbezogene Konzentration der mittelosteuropäischen Exporte

a. Exportanteile und ihre Veränderung

Zunächst werden die Ausfuhranteile der Visegrádstaaten im Handel mit der EU vorgestellt. Sie sollen zum einen zeigen, wo die Schwerpunkte der Exporte lagen und zum anderen, ob bzw. wie stark sie sich in den Jahren nach der Öffnung zur EU verändert haben.

(1) Wichtigste Ausfuhranteile in den Jahren 1989 und 1993

Abb. 4d zeigt, daß in Mittelosteuropa traditionelle Gütergruppen (landwirtschaftliche Produkte, unedle Metalle und Textilien/ Bekleidung) den Hauptanteil der Exporte bildeten. In der Summe betrug er 40 bis 50% der Gesamtausfuhren. Die drei Gütergruppen blieben auch 1993 die wichtigsten Exportprodukte, dabei verschob sich jedoch ihre Rangfolge.

Abb. 4d: Wichtigste Ausfuhranteile Mittelosteuropas (in
Prozent der Gesamtausfuhren), 1989 und 1993

Berechnet nach den CN-Daten von EUROSTAT 1994

Detaillierter stellt Tab. 4d die fünf wichtigsten Exportgüter (Ebene CN99), differenziert nach Einzelländern, vor. 1989 gehörten Eisen und Stahl sowie Bekleidungsprodukte in allen Ländern zu den wichtigsten Exportgütern. In Ungarn und Polen dominierten zudem landwirtschaftliche Erzeugnisse, in der Tschechoslowakei und Polen weiterhin Brennstoffe. Auffällig war die ebenfalls relativ große Bedeutung von technologisch anspruchsvolleren Erzeugnissen (Elektrotechnik und Maschinenbau) in Ungarn und der Tschechoslowakei.

Tab. 4d: Exportanteile der fünf wichtigsten Gütergruppen (CN99) in Prozent, MOE, 1989
und 1993

 

PL

CSFR

 

H

1989

Brennstoffe 11,4

Eisen + Stahl 12,2

 

Fleisch 10,3

 

Bekleidung 7,4

Brennstoffe 7,6

 

Bekleidung 9,1

 

Kupfer + Waren 7,1

Holz + Kohle 6,8

 

Maschinenbau 6,6

 

Eisen + Stahl 5,8

Kfz 5,9

 

Elektrotechnik 5,0

 

Lebende Tiere 4,7

Maschinenbau 5,0

 

Eisen + Stahl 5,0

   

CR

SR

 

1993

Bekleidung 13,8

Kfz 8,2

Eisen + Stahl 12,8

Bekleidung 11,2

 

Kfz 6,9

Maschinenbau 8,1

Bekleidung 10,9

Elektrotechnik 10,9

 

Möbel 6,8

Elektrotechnik 7,4

Eisen-+Stahlwaren 6,2

Fleisch 5,7

 

Holz + Kohle 5,5

Eisen + Stahl 6,6

Maschinenbau 5,9

Kunststoffe 4,3

 

Eisen-+Stahlwaren 5,0

Eisen-+Stahlwaren 5,6

Kunststoffe 4,6

Schuhe 4,2

1993 neu hinzugekommene Gütergruppen kursiv

Berechnet nach den CN-Daten von EUROSTAT 1994

 

Dieses Bild veränderte sich bis 1993 nicht wesentlich. Die traditionellen Gütergruppen Bekleidung, Eisen und Stahl stellten weiterhin die wichtigsten Ausfuhren dar. Sie gewannen im Zeitverlauf sogar noch an Bedeutung. Dagegen sank die Bedeutung von Brennstoffen und anderen mineralischen Produkten. Nach der Teilung der Tschechoslowakei divergierten die Exportstrukturen der Slowakischen und Tschechischen Republik kaum. Tendenziell bewegte sich die Ausfuhrspezialisierung der Tschechischen Republik eher in Richtung technologisch anspruchsvollerer Erzeugnisse.

(2) Veränderung der Ausfuhranteile im Zeitverlauf

Um eine Übersicht über die güterbezogenen Verschiebungen der Ausfuhranteile Mittelosteuropas im Zeitraum bis 1993 zu erhalten, veranschaulicht Abb. 4e die Veränderungen auf der Untergliederungsebene der ‘CN18’. In mindestens 7 von 19 Gütergruppen sind zwischen 1989 und 93 relativ deutliche Anteilsverschiebungen zu beobachten. Dabei fällt eine weitgehend gleichförmige Veränderung im Vergleich der vier Länder auf.

Zu signifikanten Anteilsrückgängen kam es in den Bereichen Landwirtschaft (durchschnittlich -8,2% ), Mineralische Stoffe (-3,2%), Chemie (-2,2%), teilweise auch Holz, Papier und unedle Metalle. Zuwächse verzeichneten demgegenüber die Gütergruppen Textilien (+5,2%: fast ausschließlich Bekleidungsprodukte), Erzeugnisse des Maschinenbaus und der Elektrotechnik (+4,5%), Fahrzeuge (+2,8%) sowie Möbel (+2,5%).

Der Ausbau der hohen Ausfuhranteile bei Bekleidungsprodukten sowie die Verringerung der hohen Anteile mineralischer Erzeugnisse stimmen mit den Überlegungen in Abschnitt 4.3.3 überein. Insbesondere die Lohnveredelung im Bereich der Bekleidungsindustrie mag einen großen Beitrag zum Exportwachstum dieser Güter geleistet haben. Überraschend erscheint auf den ersten Blick der

Ausbau der Exporte im Bereich von Maschinenbau und elektrotechnischer Erzeugnisse. Gács (1994) liefert eine mögliche Erklärung: Vor 1989 hatte die zentralistische Planung dafür gesorgt, daß anspruchsvollere, weit verarbeitete Produkte in den Raum des RGW ausgeführt wurden, während man gering verarbeitete, rohstoff- und arbeitsintensive Erzeugnisse in die OECD-Länder exportierte. Durch die Liberalisierung des Außenhandels und die geographische Umorientierung werden nun auch die zuvor nicht mit dem Westen gehandelten technologisch anspruchsvolleren Güter in die EU ausgeführt. In diesem Fall wäre der Anstieg der Ausfuhranteile technologieintensiver Produkte nur ein vorübergehender Trend.

(3) Ausfuhranteile, bezogen auf Faktorintensitäten

"The pattern of production and export specialization should indeed typically depend on the structure of factor endowments to a given economy, i.e. on its comparative advantage."  Daher werden im folgenden die Ausfuhranteile und ihre Veränderungen entsprechend ihrer Faktorintensität, d.h. genauer, nach den bei der Produktion der Güter relativ intensiv genutzten Produktionsfaktoren, dargelegt.

Die Zuordnung von Faktorintensitäten zu einzelnen Gütern bzw. Gütergruppen ist aufwendig und mit einer Reihe von Schwierigkeiten behaftet. So müssen geeignete Indikatoren gefunden werden, die Hinweise auf die Faktorintensitäten der Produktion zulassen, dies bei oftmals verschiedenartigen Produktionsprozessen je Teilfertigungsabschnitt eines Gutes. Weiterhin unterscheiden sich die Produktionsmethoden länderspezifisch. Im Idealfall müßten die Gütergruppen bis auf die Ebene einzelner Produkte oder Teilprodukte disaggregiert werden, was aber im Rahmen solcher Untersuchungen nicht zu bewerkstelligen ist. Diese Analyse stützt sich auf die Zuordnungsmethode des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (1994). Nach dieser Methodik wurden die 99 Gütergruppen der CN in fünf Gruppen aufgeteilt. Ein Vorteil dieser Aufteilung ist die vorgesehene Unterteilung humankapitalintensiver Produktionen in mobile und immobile Schumpeter-Industrien, die eine geeignete Verbindung zu den theoretischen Ausführungen erlaubt. Die separate Betrachtung der Straßen- und Schienenfahrzeuge begründet sich in erster Linie daraus, daß eine Zuordnung zu einem Produktionsfaktor nicht möglich erschien.

Tab. 4e: Faktorbezogene Ausfuhranteile (CN5), MOE, 1989

 

PL

CSFR

H

Arbeitsintensive Güter

20,4

17,3

25,2

Kapital-+rohstoffintensive Güter

61,0

55,6

51,8

Straßen- u. Schienenfahrzeuge

4,0

6,0

1,0

Mobile Schumpeter-Industrien

8,6

13,0

14,5

Immobile Schumpeter-Industrien

4,1

6,5

7,4

Quelle: vgl. Tab. 4d

Tab. 4e stellt die faktorbezogenen Ausfuhranteile der Visegrádstaaten im betrachteten Ausgangsjahr vor. Auch diese Werte verdeutlichen eine ähnliche Ausfuhrstruktur der vier Länder: Den eindeutigen Schwerpunkt bildeten Güter eher kapital- bzw. rohstoffintensiver Fertigung. An zweiter Stelle, aber bereits mit deutlichem Abstand, folgten arbeitsintensiv hergestellte Produkte. Humankapitalintensive Güter spielten eine untergeordnete Rolle. Die größten Ausfuhranteile wies in diesen Gütergruppen Ungarn auf.

Abb. 4f: Veränderung der faktorbezogenen Ausfuhr-
anteile (CN5), MOE, 1989-1993

AI: Arbeitsintensive Güter, KRI: Kapital- und Rohstoffintensive
Güter, FZ: Straßen- und Schienenfahrzeuge, MS: Mobile Schum-
peter-Industrien, IMS: Immobile Schumpeter-Industrien

Quelle: Vgl. Tab. 4d

Die Veränderungen der faktorbezogenen Ausfuhranteile bis 1993 (vgl. Abb. 4f) zeigten gleichförmige Trends im Bereich arbeitsintensiver und kapital- bzw. rohstoffintensiver Produkte. Während die Ausfuhranteile arbeitsintensiver Produktionen teils deutlich zunahmen, sanken sie im Fall kapital- und rohstoffintensiv gefertigter Produkte ebenso eindeutig. Leichte Anstiege waren auch bei humankapitalintensiven Fertigungen im Bereich immobiler Schumpeter-Industrien zu verzeichnen.

 

 

b. Konzentration der Ausfuhren

Um festzustellen, wie stark die Gesamtausfuhr von wenigen Produkten abhing, wird die Konzentration der Exporte errechnet. Tab. 4f beinhaltet Maßzahlen, die auf zwei Wegen die Konzentration und ihre Veränderung bestimmen (Basis: Gruppierung ‘CN99’). Tab. 4f.1 addiert die Exportanteile der fünf wichtigsten ‘CN99’-Gütergruppen. Tab. 4f.2 beinhaltet den Konzentrationskoeffizienten nach Hirschman (1945).

Die Tabellen erfassen zusätzlich die Konzentrationswerte Portugals im längeren Zeitraum von 1977 bis 1992. Die portugiesischen Ziffern dienen als Referenzgrößen und erleichtern eine Einordnung der mittelosteuropäischen Werte.

Tab. 4f.1: Anteilssumme der fünf wichtigsten Gütergruppen, MOE (1989 und 1993)

 

Tab. 4f.2: Konzentrationskoeffizient nach HIRSCHMAN (1989 und 1993)

 

1989

1993

   

1989

1993

PL

36,4

38,1

 

PL

0,2071

0,2226

CR

38,0

35,9

 

CR

0,2136

0,2002

SR

 

40,4

 

SR

 

0,2289

H

36,1

36,2

 

H

0,2015

0,2239

 

1977

1993

   

1977

1993

PG

39,9

45,7

 

PG

0,2233

0,2428

Quelle: Vgl. Tab. 4d Quelle: Vgl. Tab. 4d

 

Der Vergleich zu Portugal (1977) zeigt, daß die Konzentration der Ausfuhren Mittelosteuropas im Ausgangsjahr der außenwirtschaftlichen Öffnung nicht als überproportional hoch anzusehen ist. Sie lag (nach beiden Berechnungsmethoden) in den vier Reformländern auf ähnlichem Niveau.

Die Veränderung der Werte zeigt mit Ausnahme der Tschechischen Republik einen Anstieg der Ausfuhrkonzentration. Diese Entwicklung könnte mehrere Ursachen haben: Erstens bestätigt sie die oben herausgestellte Bedeutung einzelner Produktgruppen für Mittelosteuropa; die Befreiung von Zöllen und Mengenbeschränkungen in den Europaabkommen erlaubte den Ländern, diese Produkte vermehrt in die EU auszuführen. Zweitens könnte im Zuge der Systemtransformation die Wettbewerbsfähigkeit anderer Produkte gegenüber der Union gesunken sein. Aufgrund der derzeit vergleichsweise geringen Angebotselastizität der Reformländer (s.o.) war es ihnen kurzfristig nicht möglich, das Exportangebot stärker zu diversifizieren. Drittens könnte die steigende Konzentration Ausdruck einer zunehmenden sektoralen Spezialisierung im Zuge der Marktöffnung sein. Die deutliche Zunahme der Konzentration in Portugal im längerfristigen Verlauf der EG-Integration mag diese Hypothese unterstützen. Um diese Annahme zu überprüfen, muß die Importentwicklung in die Betrachtung mit einbezogen werden.

 

 

4.5.3 Entwicklung der güterbezogenen Importe

Die Handelsausweitung Mittelosteuropas mit der EU war in den Jahren nach der politischen Wende auf der Importseite größer als auf der Seite der Ausfuhren (vgl. Tab. 2f in Kap. 2). Die kurzfristige Importlastigkeit wurde vor allem mit den Wettbewerbsvorteilen der EU begründet, die sie aufgrund ihrer hohen Technologieausstattung gegenüber den Reformländern aufwies. Verfügbarkeits- und Qualitätsdefizite sowie Preisunterschiede führten in den Visegrádstaaten zu einer kurzfristigen Verlagerung der Konsum- und Investitionsgüternachfrage auf die Märkte der Union. Ferner wurde festgehalten, daß die sektorale Struktur der Importe möglicherweise bereits Hinweise auf die Wachstumsdynamik der Visegrádstaaten liefern könnte

 

Tab. 4g: Gütergruppen mit den höchsten Importanteilen (CN99), MOE, 1989 und 1993

PL

CR+SR *

H

1989

1993

1989

1993

1989

1993

Maschinenbau

Maschinenbau

Maschinenbau

Maschinenbau

Maschinenbau

Maschinenbau

Getreide

Kfz

Elektrotechnik

Elektrotechnik

Kfz

Kfz

Kfz

Elektrotechnik

Feinmechanik.

Kfz

Elektrotechnik

Elektrotechnik

Elektrotechnik

Kunststoffe

Kunststoffe

Kunststoffe

Org. Chemie

Feinmechanik.

Kunststoffe

Brennstoffe

Org.Chemie

Brennstoffe.

Kunststoffe

Pharmazeut.Prod.

* Die in 1993 aufgeführten Waren gelten für CR und SR gleichermaßen

Quelle: Vgl. Tab. 4d

Tab. 4g zeigt zum einen eine ähnliche Rangfolge der wichtigsten Importgüter in den Einzelländern, zum anderen eine hohe Stabilität der Importstruktur im Zeitverlauf. Die mit weitem Abstand höchsten Einfuhranteile entfielen mit 15 bis 25% in den vier Ländern auf Erzeugnisse des Maschinenbaus. Ebenfalls hohes Gewicht hatten Produkte der Bereiche Elektrotechnik, Kraftfahrzeuge, Kunststoffe sowie zum Teil feinmechanische Instrumente. Bis 1993 gewannen Kraftfahrzeuge und elektrotechnische Erzeugnisse weiter an Bedeutung.

Das große Gewicht der Gütergruppen Maschinenbau, Elektrotechnik und Kraftfahrzeuge bestätigt den Nachholbedarf der Visegrádstaaten im Bereich technologisch anspruchsvollerer Produkte. Um zu ermitteln, ob die eingeführten Produkte eher der Konsum- oder der Investitionsgütergruppe zuzuordnen sind, müßte die Differenzierungsebene weiter disaggregiert werden. Die in Tab. 4g aufgeführten Erzeugnisgruppen geben allenfalls Hinweise: Sie sind sämtlich auch für den Auf- und Ausbau der Industrie von wesentlicher Bedeutung.

Weiterhin war (in der Tabelle nicht aufgeführt) eine Zunahme der Textilimporte festzustellen. Wie oben angesprochen, spricht dies für die steigende Bedeutung des Lohnveredelungsverkehrs für die mittelosteuropäischen Reformländer: Textilien werden in beträchtlichem Umfang von Unternehmen der ehemaligen Planwirtschaften verarbeitet. Die hohen Exportanteile von Bekleidungsprodukten belegen, daß ein großer Teil dieser verarbeiteten Waren anschließend wieder in die EU ausgeführt wurde (vgl. Tab. 4d). Der vermehrte Import mineralischer Brennstoffe (PL, CR, SR) dürfte mit der Auflösung des Handels mit der ehemaligen Sowjetunion zusammenhängen. Die Sowjetunion hatte innerhalb des RGW-Systems mineralische Brennstoffe zu vergünstigten Bedingungen ausgeführt. Mit Wegfall des RGW fielen auch die Vergünstigungen fort, sodaß die Visegrádstaaten diese Güter vermehrt aus den westlichen Industrieländern bezogen.

4.5.4 Herausbildung von Handelsvorteilen der mittelosteuropäischen Länder

a. Entwicklung der güterbezogenen Deckungsraten

Nach der Veränderung der Ein- und Ausfuhrstrukturen soll im folgenden ermittelt werden, ob sich seit Beginn der EU-Orientierung bereits Handelsvorteile der Visegrádstaaten herauskristallisiert haben. Um die güterbezogenen Handelsvorteile zu ermitteln, sind die Import- und Exportseite gemeinsam zu betrachten. Exportanstiege in einzelnen Gütergruppen können zwar einen Hinweise auf besondere Vorteile im Güteraustausch mit der EU geben; ein solcher Rückschluß ist aber erst einwandfrei möglich, wenn parallel dazu die Importe in diesen Gütergruppen nicht in gleichem oder höherem Umfang gestiegen sind.

Tab. 4h: TCR (CN18), MOE, 1989

PL

CSR

H

Landwirtschaftliche Erzeugnisse

85

81

15

Mineralische Stoffe

6

9

40

Chemie

242

165

272

Kunststoffe

64

64

60

Häute, Reiseartikel

74

223

35

Holz, Kork, Waren davon

3

6

7

Papier, Pappe

136

21

280

Textilien/ Bekleidung

94

49

94

Schuhe, Kopfbedeckungen

40

32

16

Steine, Keramik, Glas

103

23

126

Perlen, Edelmetalle

18

83

1037

Unedle Metalle, Waren davon

43

29

260

Maschinen, Elektrotechnik

380

447

81

Fahrzeuge

125

36

1390

Feinmechanik, Optik

853

529

34

Waffen, Munition

48

7

787

Möbel, Spielzeug

23

20

51

Kunstgegenstände

553

26

1

Quelle: Vgl. Tab. 4d

Die zunächst berechnete Maßzahl ist die ‘Trade-Coverage-Ratio (TCR)’. Auf Ebene der ‘CN18’ stellt Tab. 4h die gütergruppenbezogenen Deckungsraten vor. Lagen die Werte unter 100, so überwogen die güterbezogenen Exporte die Importe; bei Werten über 100 überwogen die Importe aus der EU.

Im Jahr 1989 wiesen die Visegrádstaaten in 14 (Tschechoslowakische Föderation) bzw. 11 (Ungarn und Polen) der 18 gebildeten Gütergruppen Exportüberschüsse auf. Dazu zählten insbesondere landwirtschaftliche Erzeugnisse, mineralische Stoffe, Holzwaren, unedle Metalle (Ausnahme: Ungarn), Kopfbedeckungen und Textilien. Importüberschüsse verzeichneten die Reformländer in den Bereichen Chemie, Maschinenbau, Elektrotechnik, Fahrzeuge und Feinmechanik.

Tendenziell bestätigen diese Niveauwerte die Rangfolge der Ausfuhranteile im Jahr 1989. Die hohen Deckungsraten der Maschinenbau- und Elektrotechnischen Erzeugnisse widerlegen jedoch die vermuteten Handelsvorteile der mittelosteuropäischen Länder in diesen Gütergruppen (vgl. 4.5.2).

Auf dieser Grundlage betrachtet Abb. 4g die Veränderung der TCR bis 1993. Auf den ersten Blick wird erkennbar, daß im überwiegenden Teil der Gütergruppen die Importe stärker stiegen als die Ausfuhren: Die Handelsausdehnung mit der EU war, wie oben bereits gezeigt, importlastig. Der größte Anstieg der Deckungsraten war in den Gütergruppen Landwirtschaftliche Erzeugnisse, mineralische Stoffe, Chemie, Kunststoffe, Steine und Keramik sowie Feinmechanik zu verzeichnen. Dagegen sanken die Import-Exportverhältnisse in den Bereichen Textilien/ Bekleidung, Häute/ Reiseartikel, Maschinenbau/ Elektrotechnik und Möbel.

Um aus diesen Veränderungen mögliche Spezialisierungstrends im Handel mit der EU ableiten zu können, müßten sich die Exportüberschüsse oder die Importüberschüsse im Zeitverlauf weiter vergrößert haben. Steigende Exportüberschüsse lassen sich in den Gütergruppen Reiseartikel, Holzwaren, Kopfbedeckungen und Möbel in Ungarn und Polen beobachten, in der Tschechischen Republik und in der Slowakei im Bereich von Kunstgegenständen und der Slowa-

kei zusätzlich in der Gütergruppe der unedlen Metalle. Zu einer weiteren Vergrößerung der Importüberschüsse kam es in den Gütergruppen Chemie, Papier und Waffen.

Im überwiegenden Teil der Sektoren waren die Veränderungen entgegengesetzt, d.h. die Import- oder Exportüberschüsse des Jahres 1993 sanken. Im betrachteten Zeitraum konnte hier also kein Trend zur Spezialisierung festgestellt werden.

 

b. Handelsvorteile, bezogen auf Faktorintensitäten

Um eine Zuordnung der Spezialisierungstrends zu den theoretischen Ausführungen zu ermöglichen, werden wiederum die Maßzahlen auf Ebene der Faktorintensitäten betrachtet. Für die Visegrádstaaten sollten sich demnach deren unterschiedliche Faktorausstattungen (im Vergleich zu den EU-Ländern) in komparativen Wettbewerbsvorteilen nach den Faktorintensitäten der ex- und importierten Gütergruppen niederschlagen.

Zur Ermittlung von Handels- oder Wettbewerbsvorteilen wird die sog. ‘Revealed-Comparative-Advantage (RCA)-Analyse’ zu Hilfe genommen. Die RCA-Methode bezieht neben den güter- bzw. faktorbezogenen Exporten die Importe in die Betrachtung mit ein und setzt die sektoralen Maßzahlen ins Verhältnis zum globalen Handelsbilanzsaldo.

 

 

 

Tab. 4i: RCA-Werte (CN5), MOE, 1989 und 1993

 

PL

CSFR

CR

SR

H

 

1989

1993

1989

1993

1993

1989

1993

Arbeitsintensive Güter

0,90

1,17

0,99

0,75

1,06

0,73

0,79

Kapital-+ Rohstoffintensive Güter

0,47

0,15

0,79

0,41

0,38

0,60

0,17

Straßen- und Schienenfahrzeuge

-0,36

-0,35

0,95

-0,02

-0,46

-2,18

-1,50

Mobile Schumpeter-Industrien

-0,62

-0,71

-0,47

-0,32

0,38

-0,44

0,02

Immobile Schumpeter-Industrien

-1,90

-1,51

-1,81

-1,16

-1,57

-1,29

-0,75

Quelle: vgl. Tab. 4d

Tab. 4i zeigt die faktorbezogenen RCA-Werte der Visegrádstaaten in den Jahren 1989 und 1993. Die Werte bestätigen in etwa die Ergebnisse der Entwicklung der Ausfuhranteile. In allen vier Ländern gingen die Handelsvorteile in eher kapital- und rohstoffintensiven Industrien eindeutig zurück. Weiterhin waren positive Entwicklungstrends bei arbeitsintensiven Fertigungen zu verzeichnen (Ausnahme: Tschechische Republik). Im Bereich technologisch eher anspruchsvoller Produktgruppen waren die Trends überwiegend positiv. Überraschend war vor allem der Anstieg der Wettbewerbsfähigkeit im Bereich immobiler Schumpeter-Industrien. Aber auch in den Gütergruppen der mobilen Schumpeter-Industrien können Zuwächse aufgezeigt werden (Ausnahme: Polen). Ungarn verzeichnete zudem positive Entwicklungstrends in der Gütergruppe der Straßen- und Schienenfahrzeuge.

 

 

 

4.5.5 Veränderung der intra-sektoralen Handelsstrukturen

In den Ausführungen wurde erkennbar, daß die Visegrádstaaten in einigen Gütergruppen sowohl steigende Ausfuhr- als auch steigende Einfuhranteile verbuchten. Insoweit ist davon auszugehen, daß der intra-sektorale Handel zwischen beiden Wirtschaftsräumen im Verlauf der letzten Jahre trotz ihres erheblichen Entwicklungsunterschiedes bereits eine Rolle gespielt hat. Die Vorstellung der südeuropäischen Handelsstrukturen im Zuge der EG-Integration (vgl. 4.3.6) zeigte eine positive Korrelation zwischen dem relativen wirtschaftlichen Entwicklungsgrad der Länder und der Höhe ihres intra-sektoralen Handels mit der EG. Diese Beobachtung bestätigte sich bei der Betrachtung der Handelsentwicklung: In den Ländern, in denen der Handel innerhalb der Wirtschaftszweige anstieg, kam es zugleich zu einem Anstieg der relativen Pro-Kopf-Einkommen.

Tab. 4j: Entwicklung der IIT-Indices (CN99), MOE, 1989-93

 

PL

CR

SR

H

1989

0,41

0,39

0,39

0,43

1991

0,44

0,49

0,39

0,48

1993

0,40

0,52

0,4

0,47

Quelle: Vgl. Tab. 4d

Tab. 4j zeigt die Entwicklung der Grubel-Lloyd-Indices im Zeitraum von 1989 bis 1993. Im betrachteten Ausgangsjahr lagen die Werte der Visegrádstaaten ähnlich niedrig; der Güteraustausch mit der EU fand vorwiegend zwischen den Sektoren statt.

Im Zeitverlauf entwickelten sich die Indices unterschiedlich. Während in Polen der intra-sektorale Handel mit zeitlichen Schwankungen Nettorückgänge verzeichnete, stieg er in den anderen Ländern an. Dabei blieb der Anstieg in der Slowakei mäßig, in Ungarn sank er nach vorübergehendem Zuwachs wieder leicht ab. Am deutlichsten war die Ausweitung des brancheninternen Handels in der Tschechischen Republik. Hier überwog 1993 der intra-sektorale Handel mit der EU den inter-sektoralen Güteraustausch.

 

 

4.5.6 Zusammenfassung der kurzfristigen Handelsentwicklung

In bezug auf die in den vorigen Abschnitten gewonnenen Erkenntnisse werden die empirischen Ergebnisse im folgenden kurz zusammengefaßt.

(1) Die Visegrádstaaten wiesen hinsichtlich ihrer Ausfuhren in die EU ähnliche güterbezogene Schwerpunkte auf: Sie lagen vorwiegend im Bereich traditioneller Güter, die in den Europaabkommen von einer sofortigen Liberalisierung ausgeschlossen worden waren. Überraschend waren daneben die vergleichsweise hohen Ausfuhranteile technologisch anspruchsvollerer Produkte.

(2) Mit der Ausweitung des Handels mit der EU kam es zu teils signifikanten Veränderungen der Exportanteile. Deutliche Anstiege waren vor allem bei den Ausfuhren technologisch anspruchsvollerer Produkte sowie bei Bekleidungswaren zu verbuchen, dagegen sanken die Exportanteile landwirtschaftlicher Erzeugnisse und mineralischer Stoffe. Zum Teil erlangten also die Ausfuhrschwerpunkte von 1989 zusätzlich an Gewicht, zum Teil verloren sie an Bedeutung:

(3) Der im Verlauf bis 1993 zu beobachtende Anstieg der Ausfuhrkonzentration deutet darauf hin, daß die Erhöhung der Exporte im Bereich der bisherigen Schwerpunkte (1989) größer war als die Ausfuhrausweitung in vormals weniger wichtigen Gütergruppen. Eine Erklärung für die steigende Konzentration ist die schrittweise Liberalisierung im Rahmen der Europaabkommen: Wie oben erwähnt, hatten die Visegrádstaaten ihre höchsten Exportanteile in den Gütergruppen, die von einer sofortigen Liberalisierung seitens der Union ausgenommen waren. Durch die Liberalisierung werden nun verstärkt Güter ausgeführt, die die traditionelle Exportbasis Mittelosteuropas bilden. Weiterhin könnte die zunehmende Konzentration der Ausfuhren für eine zunehmende Handelsspezialisierung im Wettbewerb mit der EU sprechen.

(4) Bei der Analyse der gütergruppenbezogenen Deckungsraten sind zwei unterschiedliche Trends festzustellen: Erstens erhöhten sich in einigen Sektoren die Export- und Importüberschüsse. Hier kann also die Vermutung einer verstärkten Handelsspezialisierung zwischen der EU und Mittelosteuropa bestätigt werden. Zweitens, und dies betrifft den größeren Teil der Sektoren, wurden die 1989 zu beobachtenden Handelsüberschüsse verringert. In diesen Gütergruppen konnten die beiderseitigen Handelsvorteile nicht ausgebaut werden. So wurden die vermuteten Handelsvorteile Mittelosteuropas im Bereich technologieintensiver Güter bei Betrachtung dieser Maßzahlen nicht bestätigt; die Visegrádstaaten wiesen hier vielmehr Importüberschüsse auf, die sie bis 1993 jedoch aus den genannten Gründen verringern konnten.

(5) Die nach Faktorintensitäten differenzierte Analyse läßt Rückschlüsse auf die theoretischen Hypothesen in Abschnitt 4.3.3 zu. Im Jahr 1989 hatten die Reformländer vor allem bei kapital- und rohstoffintensiven, aber auch bei arbeitsintensiven Gütergruppen Handelsvorteile gegenüber der EU. Wie vermutet, sanken im Zuge der Marktliberalisierung die Vorteile in den kapital- und rohstoffintensiven Produktionen, während sie bei arbeitsintensiven Gütern stiegen. Hier läßt sich also eine Umkehrung der Spezialisierung im Sinne der Vorhersagen des Faktorproportionentheorems aufzeigen.

In humankapitalintensiven Gütergruppen hatten die Visegrádstaaten Handelsnachteile; sie konnten im Verlauf bis 1993 verringert werden. Im Bereich mobiler Schumpeter-Industrien hatten die Slowakei und Ungarn im Jahr 1993 leichte Vorteile. Es bleibt angesichts des kurzen Untersuchungszeitraumes jedoch fraglich, ob diese zuletzt aufgezeigten Tendenzen bereits einen Hinweis auf den langfristigen Abbau der deutlichen Handelsvorteile der EU bei zunehmender Marktintegration liefern.

(6) Auch die Berechnung der Grubel-Lloyd-Indices liefert Erkenntnisse für die oben dargelegten Hypothesen. Im betrachteten Zeitraum überwog der inter-sektorale Güteraustausch zwischen der EU und Mittelosteuropa. Die Umkehrung der Spezialisierung bei arbeitsintensiven und kapital- bzw. rohstoffintensiven Gütergruppen sowie die Verringerung der Importüberhänge im Bereich technologieintensiver Produkte führten im Laufe der Zeit zu einer relativen Reduktion des inter-sektoralen und zu einer Ausweitung des intra-sektoralen Handels. 1993 überwog in der Tschechischen Republik bereits der brancheninterne Güteraustausch mit der EU.