Kapitel 5:

Gemeinsamer Binnenmarkt und die Bedeutung ausländischer Direktinvestitionen für Mittelosteuropa

5.1 Nächster Integrationsschritt: Gemeinsamer Binnenmarkt
von Mittelosteuropa und EU

5.2 Motive für Direktinvestitionen in Mittelosteuropa

5.2.1 Theoretische Grundlagen

a. Determinanten internationaler Direktinvestitionen

b. Standortrelevante Investitionsdeterminanten

5.2.2 Motive und Hindernisse für EU-Investitionen in Mittelosteuropa

5.2.3 Kurzfristige empirische Entwicklungstrends der Direkt-
investitionen in den Visegrádstaaten

5.2.4 Längerfristige Entwicklungsperspektiven der Direktinvestitionen

a. Entwicklung der Auslandsinvestitionen nach der EG-Süderweiterung

b. Pessimistisches Szenario: Längerfristige Hindernisse für den Zustrom von Auslandsinvestitionen nach Mittelosteuropa

c. Optimistisches Szenario: Chancen für einen nachhaltigen Investitions-
anstieg in Mittelosteuropa

5.3 Realwirtschaftliche Effekte von Direktinvestitionen

5.3.1 Reale Wachstumsimpulse für Mittelosteuropa durch Direktinvestitionen ?

5.3.2 Der Zusammenhang von Direktinvestitionen, Technologietransfer
und Humankapital

5.3.3 Die Beziehung zwischen Direktinvestitionen, Außenhandel und Volkseinkommen

5.4 Schlußfolgerungen für die Arbeitsnachfrage

 

 

 

5.1 Nächster Integrationsschritt: Gemeinsamer Binnenmarkt von Mittelosteuropa und EU

Die längerfristigen Hoffnungen auf einen integrationsinduzierten Produktions- und Beschäftigungsanstieg in Mittelosteuropa richten sich neben einer Gütermarktintegration mit der EU auf eine freie Bewegung der Produktionsfaktoren. Die theoretischen Modelle haben lange Zeit unterstellt, daß die Produktionsfaktoren innerhalb eines Landes beweglich, zwischen Volkswirtschaften jedoch immobil sind. Durch die schrittweise Integration der Volkswirtschaften wird die grenzüberschreitende Faktorallokation zunehmen. Sie impliziert für die beteiligten Länder zusätzliche Wirkungen, deren Verhältnis zu den Wirkungen des freien Güteraustausches unterschiedlicher Art sein kann; die beiden Austauschformen können sich ergänzen, sie können ein substitutives oder auch ein neutrales Verhältnis zueinander haben (vgl. 5.3.3).

Die konsequente Integrationsvertiefung zwischen Mittelosteuropa und der Union würde nach der Gütermarktintegration die vollständige Liberalisierung der Faktorwanderungen in einem gemeinsamen Binnenmarkt zur Folge haben. Der Binnenmarkt umfaßt "einen Raum ohne Binnengrenzen, in dem der freie Verkehr von Waren-, Personen-, Dienstleistungen und Kapital (...) gewährleistet ist."  Zwischen den zwölf Ländern der Europäischen Gemeinschaft trat ein gemeinsamer Binnenmarkt 1993 in Kraft. Wesentliche Ziele dieser Integrationsvertiefung waren die weitere Belebung des realwirtschaftlichen Wachstums und die Förderung der wirtschaftlichen und sozialen Kohäsion der Mitgliedsländer. Eine Verringerung des Wohlstandsgefälles zwischen den unterschiedlich entwickelten Regionen und Ländern des Wirtschaftsraumes sollte neben der Intensivierung des Güterhandels auch durch die freie Wanderung der Produktionsfaktoren erreicht werden. Das im Binnenmarktprogramm der EG zugrunde gelegte Konzept baut auf ein Zusammenwirken beider Austauschformen.

Auch die Europaabkommen zwischen der EU und den mittelosteuropäischen Reformländern beinhalten neben der Einführung einer Freihandelszone bereits vereinzelte Maßnahmen zur Liberalisierung der Faktorwanderung (Art. 37-43, 44-54, 59-62 EA). Bezüglich der vollkommenen Wanderungsfreiheit bleiben diese jedoch, insbesondere im Bereich des Personenverkehrs, eher unverbindlich. Deutliche Erleichterungen sehen die Abkommen bereits hinsichtlich der Niederlassungsfreiheit ausländischer Unternehmen sowie der in diesem Zusammenhang vorgenommenen Kapitalübertragungen vor (Art. 44 und 60 EA).

Um einen Binnenmarkt beider Wirtschaftsräume zu verwirklichen, müssen nach der Gütermarktintegration langfristig auch sämtliche Beschränkungen hinsichtlich der grenzüberschreitenden Wanderung von Kapital und Arbeitskräften beseitigt werden.

Insbesondere die Freizügigkeit der Arbeitskräfte wird die Integrationspartner in den nächsten Jahren jedoch vor Probleme stellen. Ein anhaltendes Wohlstandsgefälle wird den Immigrationsdruck in die Zentralländer der EU weiter erhöhen. Auf der anderen Seite ist ein Abbau der Arbeitslosigkeit und ein Ausgleich der Lohn- und Produktivitätsgefälle zwischen beiden Wirtschaftsräumen im Wege der Arbeitskräftewanderung wenig wahrscheinlich. Im Gegenteil: Die Bedrohung der Arbeitsmärkte in den benachbarten Zentralländern der Union könnten politische Widerstände wecken und die rasche Einrichtung eines gemeinsamen Binnenmarktes mit den Visegrádstaaten hinauszögern.

Auch wenn in absehbarer Zeit die vollständige Freizügigkeit der Arbeitskräfte nicht verwirklicht wird, ist bereits kurzfristig mit einer Belebung der Migrationsbewegungen zu rechnen. Dazu zählen beispielsweise grenzüberschreitende Pendlerbewegungen, der Austausch von Arbeitskräften zur Aus- und Weiterbildung oder der Transfer von Managern bei der Gründung westeuropäischer Tochtergesellschaften in Mittelosteuropa. Solche begrenzten Austauschprozesse dürften bereits Auswirkungen auf den Konvergenzerfolg der Reformländer haben.

In der vorliegenden Untersuchung geht es weniger um die Folgen der Freizügigkeit zwischen Ost- und Westeuropa, sondern in erster Linie um die Analyse, inwieweit umfangreiche Arbeitswanderungen durch die Liberalisierung der Güter- und Kapitalmärkte verhindert werden können. Daher stehen in diesem Kapitel die Bedingungen und Folgen der (Real)Kapitalverkehrsliberalisierung im Vordergrund. Hier gehen bereits die Bestimmungen der Europaabkommen weiter. Angesichts ähnlicher Interessenlagen von Mittelosteuropa und EU ist im Bereich der grenzüberschreitenden Kapitalwanderung eine frühzeitige Aufhebung der administrativen Hemmnisse möglich.

Die Öffnung der Kapitalmärkte und die Gewährleistung der Niederlassungsfreiheit erlauben Mittelosteuropa eine verstärkte Beteiligung an der zunehmenden Globalisierung der Märkte und Internationalisierung der Produktion. Vielfach werden vom Prozeß der internationalen Kapitalverflechtung mit der EU die entscheidenden Wachstumsimpulse für die Reformländer erwartet. Die wichtigste Form des Kapitalverkehrs bilden neben privaten Finanzinvestitionen die Sachkapital- bzw. Direktinvestitionen im Rahmen bi- bzw. multinationaler Unternehmen. Während der 80er Jahre verlief die Entwicklung der unternehmensbezogenen Kapitalanlagen expansiver als die Dynamik der Weltexporte. Auch in Mittelosteuropa gewannen ausländische Direktinvestitionen in den letzten Jahren bereits an Bedeutung. Auf ihre Motive und Wirkungen bezieht sich die nachfolgende Analyse.

In diesem Kapitel soll geprüft werden, inwieweit die Liberalisierung des Realkapitalverkehrs neben der Gütermarktintegration dazu verhelfen kann, Produktion und Arbeitsnachfrage durch den Zustrom ausländischer Direktinvestitionen nach Mittelosteuropa nachhaltig zu beleben. In erster Linie ist zu untersuchen, welche Gründe eine Kapitalverlagerung in die Reformstaaten induzieren könnten bzw. welche Probleme sie verhindern (Abschnitt 5.2). In den Abschnitten 5.3 und 5.4 wird der Zusammenhang zwischen Kapitalzufluß und realwirtschaftlichem Wachstum sowie einem möglichen Anstieg der Arbeitsnachfrage analysiert.

 

 

5.2 Motive für Direktinvestitionen in Mittelosteuropa

5.2.1 Theoretische Grundlagen

a. Determinanten internationaler Direktinvestitionen

Anders als in der traditionellen Außenhandelstheorie konnte sich bisher kein dominanter Ansatz zur Erklärung internationaler Direktinvestitionen herausbilden. "Instead we have several theories, but we shall discover that, for the most part, they are complementary rather than rival explanations (...)."  Die partialanalytischen Ansätze liefern eine Vielzahl - im konkreten Fall unterschiedlich relevanter - Determinanten, die eine Investitionsentscheidung im Ausland beeinflussen. Sie setzen sich damit auseinander, (1) warum Unternehmen sich (erfolgreich) internationalisieren, (2) warum die Internationalisierungsform der Investition dem Export bzw. der Lizenzvergabe vorgezogen wird und (3) aus welchem Grund bestimmte Investitionsstandorte präferiert werden.

Einen Versuch, die verschiedenen Ansätze in einem umfassenden Konzept zu integrieren, stellt die OLI-Theorie (oder: Eklektische Theorie) nach Dunning (1979) dar. Nach ihrer Auffassung müssen drei Bedingungen erfüllt sein, damit ein Unternehmen im Ausland investiert:

Zu jedem dieser Faktoren führt Dunning eine Vielzahl spezieller Vorteile (Eigentums-, Internalisierungs-, Standortvorteile) auf. Die Spezifikation und firmenspezifische Gewichtung dieser Vorteile hilft, die Investitionsentscheidung der Unternehmen zu begründen.

Um herauszustellen, inwieweit es zu vermehrten Direktinvestitionen in Mittelosteuropa kommen könnte, sind vorrangig seine Standortfaktoren zu analysieren. "Man (muß, Erg.) untersuchen, welche Auswirkungen seine spezifische Ausstattung mit Ressourcen, die Größe und Eigenschaften seiner Märkte und seine Wirtschaftspolitik auf Eigentums-, Standort- und Internalisierungsvorteile multinationaler Unternehmen haben.

 

b. Standortrelevante Investitionsdeterminanten

Die in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich angestiegene Kapitalmobilität führte dazu, daß die Standortfaktoren eines Landes in den Mittelpunkt der Analyse seiner Wettbewerbsfähigkeit gerückt wurden. Insbesondere die zunehmende Regionalisierung durch Integration mehrerer nationaler Märkte erhöht die Relevanz lokaler Standortmerkmale. Dunning stellte auf der Grundlage standorttheoretischer Ansätze eine Reihe von Kriterien auf, die die relative Qualität eines Investitionsstandortes beschreiben. Zahlreiche Unternehmensbefragungen ermöglichten zugleich eine durchschnittliche Gewichtung der einzelnen Kriterien. Tab. 5a gruppiert wichtige Standortfaktoren Dunning’s und ergänzt sie um weitere Quellen. Die Synpose dient als Grundlage für die folgende Analyse der Direktinvestitionen in Mittelosteuropa.

 

Tab. 5a: Bedeutende Standortfaktoren als Determinanten für Investitionsentscheidungen

Absatzfaktoren

Politischer und wirtschaftlicher Rahmen

- Marktpotential *

- Politische und wirtschaftliche Stabilität

- Marktdynamik, -wachstum *

- Regulierungsdichte, Verstaatlichung *

- Bedeutung der Kundennähe

- Handelshemmnisse *

- Exportbasis für Nachbarmärkte

- Investitionsklima, -anreize

 

- Soziales Klima

Inputfaktoren

- Steuersystem *

- Verfügbarkeit über Arbeitskräfte, Kapital,

 

qualifizierte Arbeitskräfte, Rohmaterialien,

Andere Einflußgrößen

andere Vorprodukte

- Psychologische und kulturelle Distanz

- Motivation der Arbeitskräfte

zwischen Heimat- und Gastland

- Räumliche Verteilung der Inputfaktoren

- Forschung und Entwicklung

- Kosten der Inputfaktoren, insbes. der Arbeit *

- Adäquate Partnerunternehmen

- Umweltschutzkosten

- Bisherige Erfahrungen der Investoren vor Ort

 

- Informationen über lokale Situation

Infrastrukturausstattung

- Umgehen von Wechselkursschwankungen

- Transportkosten (zu Heimatland und innerhalb

 

des Gastlandes) *

 

- Telekommunikationswesen

 

- Energiekosten

 

- Dienstleistungsangebot, Kapitalmarkt, Handel

 

- Grundstücks- und Erschließungskosten

 

* In diversen Befragungen werden diese Faktoren als die bedeutsamsten eingestuft.

Quelle: Zusammenstellung auf Grundlage von Dunning 1979, S.276, Stein 1991, S.117 f, Pausenberger 1982, S.114, IAB 1990, S.11, Lorz 1993, S.153, Donges 1995, S.35 f

 

 

5.2.2 Motive und Hindernisse für EU-Investitionen in Mittelosteuropa

Die zunehmende Marktintegration von EU und Mittelosteuropa verleiht der unternehmerischen Standortwahl eine neue Dimension. Eine Belieferung der Nachfrage wird tendenziell von jedem Standort des integrierten Raumes möglich. Inwieweit es zu vermehrten Produktionsverlagerungen in die Visegrádstaaten kommt, ist durch die Analyse ihrer Standortparameter bzw. deren wirtschaftspolitischer Gestaltung beschreibbar. Ein Engagement der westlichen Unternehmer in ihren östlichen Nachbarländern wird dabei beeinflußt (1) durch deren Motive, die sich auf die relative Günstigkeit der nationalen bzw. lokalen Bedingungen Mittelosteuropas stützen und (2) durch die bestehenden Probleme und Investitionshindernisse vor Ort. Deren Gewichtung variiert nach Unternehmens- bzw. Produktart.

Die Bestimmungen der Europaabkommen und die darüber hinausgehenden integrationspolitischen Bestrebungen begünstigen bereits kurzfristig eine Wanderung von unternehmerischem Kapital nach Mittelosteuropa. Ob in den kommenden Jahren mit einem nachhaltigen Investitionsanstieg zu rechnen ist, wird wesentlich durch das zügige Gelingen der Systemtransformation bestimmt. Im folgenden werden die wichtigsten Einflußfaktoren für eine verstärkte Investitionstätigkeit der EU-Unternehmen in den Visegrádstaaten zusammengefaßt.

(1) Absatzbezogene Faktoren. Als grundlegendes Motiv ausländischer Direktinvestitionen werden absatzbezogene Faktoren angeführt. Der politische Umbruch in Mittelosteuropa eröffnet westlichen Investoren Absatzmärkte, zu denen sie vorher nur geringen Zugang hatten. Wie in Kapitel 4.3.2 (Ausgangsvorteile der EU) verdeutlicht, weisen die EU-Unternehmen im Vergleich zu den Visegrádstaaten eine Vielzahl firmenspezifischer Vorteile auf: Vor allem produzieren sie Güter, die in den Reformländern vor der Wende überhaupt nicht oder nur in erheblich geringerer Qualität verfügbar waren. Ein Vor-Ort-Engagement in Mittelosteuropa erlaubt den EU-Unternehmen, durch geeignete Marketing- und Vertriebsmethoden eine Reputation für ihre Produkte zu erwerben, Marktlücken zu schließen und die Märkte zugleich gegenüber anderen Firmen abzuschirmen. Die nationalen Märkte der Visegrádstaaten sind zwar relativ klein. Durch die zunehmende Gütermarktintegration mit der EU, das Freihandelsabkommen zwischen den Visegrádstaaten, und die Marktnähe zur Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und den übrigen osteuropäischen Staaten bietet der Standort dennoch große Absatzperspektiven. Die Niederlassung von EU-Unternehmen in den Reformländern erlaubt die Einsparung von Transportkosten bei der Belieferung der neuen Absatzmärkte.

Eine kapitalunterstützte Zusammenarbeit mit lokalen Firmen schafft den westlichen Anbietern zudem die Möglichkeit, eine Reihe von bestehenden Netzwerken zu den früheren Handelspartnern des RGW zu nutzen.

Auf der anderen Seite könnten die vergleichsweise niedrige Kaufkraft und die kurzfristig eher ungünstig eingeschätzten Wachstumsperspektiven nachhaltige Investitionsanstiege behindern. Es ist zunächst unsicher, ob die westlichen Unternehmen ausreichende Mengen ihrer Produkte absetzen können, so daß ihre Investition rentabel wird. Von Bedeutung sind dabei vor allem die Erwartungen hinsichtlich der längerfristigen Wachstumsentwicklung. Aufgrund der Unsicherheit über den Transformationsverlauf liegen die Risikoprämien der Investoren derzeit relativ hoch. Zunächst mögen risikofreudigere Unternehmen mit dem Ziel der Markterschließung und Sicherung von Marktanteilen die Pionierarbeit leisten. Frühzeitige Verlagerungen sind in den wenigen Sektoren mit steigender Nachfrage wahrscheinlich. Dazu zählen vor allem Dienstleistungen oder die Bereiche Nahrungs- und Genußmittel.

(2)  Inputfaktoren. Die handelsbezogene Analyse unterstrich die potentiellen Ausstattungs- und Kostenvorteile der Reformländer im Bereich arbeitsintensiver Produktionsabschnitte (vgl. Abschnitt 4.3.3). In Verbindung mit dem relativ hohen Humankapitalbestand stellen die niedrigen Arbeitskosten ein zweites grundlegendes Motiv westlicher Investitionen dar. Eine Verlagerung der Produktion oder von Produktionsabschnitten könnte langfristig die einzige Alternative der EU-Zentralländer sein, um ihre Marktanteile im Bereich arbeitsintensiver Produkte nicht ganz an Osteuropa oder Südostasien zu verlieren. Zugleich bietet die Produktionsverlagerung nach Mittelosteuropa Chancen, die weltweite Wettbewerbsfähigkeit der EU-Unternehmen zu verbessern: Eine verlängerte Werkbank in unmittelbarer Nachbarschaft erlaubt den Unternehmen eine effizientere geographische Verteilung ihrer Produktions- und weiterer Abteilungen (‘Global Sourcing’). Dies ermöglicht es ihnen, in wirkungsvolle Konkurrenz zu den Anbietern in den USA oder in Japan zu treten.

Der Vorwurf, die Arbeitskräfte der ehemaligen Planwirtschaften seien nicht genügend motiviert, wurde inzwischen vielfach revidiert. Der erhebliche Anstieg der Arbeitslosigkeit auf der einen Seite und das zunehmende marktwirtschaftliche Bewußtsein der Wirtschaftssubjekte auf der anderen Seite haben zu einer steigenden Arbeitsmotivation der Erwerbstätigen beigetragen. Dies gilt insbesondere für die Beschäftigten in ausländischen Unternehmen, die in der Regel höhere Löhne zahlen als die lokalen Produzenten.

In Kapitel 4.3 wurde im Zusammenhang mit den verschiedenen Formen des Sub-Contracting beschrieben, daß europäische Unternehmen auch ohne eigenen Kapitaleinsatz die Vorteile einer Vertiefung der Arbeitsteilung nutzen. Diese Formen - wie insbesondere die passive Lohnveredelung - stehen in Konkurrenz zu den Direktinvestitionen. Es wird darauf ankommen, in welchem Umfang firmenspezifische Vorteile einzelner Unternehmen die eigene Produktion vor Ort begünstigen.

(3) Infrastrukturausstattung und Agglomerationsvorteile. Räumliche und branchenbezogene Agglomerationsvorteile (vgl. Kap. 4.3.6) sind auch für die Direktinvestitionen von Bedeutung. Die Standortwahl der Produzenten war in der Planwirtschaft politisch bestimmt, sie folgte weniger dem Prinzip der effizienten Allokation. Dieser Umstand wirkt sich für eine Niederlassung ausländischer Unternehmen zur Zeit noch negativ aus: Die Transportkosten sind relativ hoch, der Zugang zu den benötigten Vorleistungen ist beschränkt und eine Wahrnehmung externer Skaleneffekte kaum möglich. Hervorgehoben wird insbesondere der lokale Mangel an Dienstleistungsangeboten und die geringe Verfügbarkeit liquider Mittel. Entsprechend schwach ausgeprägt ist die wirtschaftsnahe Infrastruktur; die Verkehrsnetze sind unzureichend und überaltet, der Ausbau der Telekommunikation gering, Informationen über die lokale Situation nur ansatzweise vorhanden und die öffentliche Bürokratie schwerfällig.

Diese Defizite erhöhen die Transaktions- und damit Investitionskosten der EU-Unternehmen. Sie dürften zur Zeit ein bedeutendes Investitionshindernis darstellen. Die Verbesserung der lokalen Infrastruktur und der physischen Anbindung an die EU-Nachbarstaaten wird ein Engagement westlicher Unternehmer beflügeln und langfristig einen Beitrag zur Herausbildung von Ballungsvorteilen leisten. Zudem vergrößert die beim Ausbau der Infrastruktur erhöhte öffentliche Nachfrage die Investitionsanreize.

(4) Politischer und wirtschaftlicher Rahmen. Die Wirtschaftspolitik setzt sich in Mittelosteuropa derzeit in erster Linie mit dem Prozeß der Systemtransformation auseinander (vgl. Kap. 2). Auf der einen Seite begünstigt der Transformationsfortschritt, verbunden mit der außenwirtschaftlichen Öffnung, den Zustrom von EU-Investitionen. Andererseits stellen die mit ihr verbundenen Unstetigkeiten und ungewissen Zukunftsaussichten das größte Hindernis des westlichen Engagements dar. Eine mangelnde wirtschaftliche und politische Stabilität, eine unzureichende Durchsetzung marktwirtschaftlicher Prinzipien, Unklarheiten und Ermessensspielräume im Bereich der Rechtssysteme sowie insbesondere die Modalitäten des Privatisierungsprozesses und die Unternehmensverschuldung schaffen Unsicherheiten bei den potentiellen Investoren. Unsichere Zukunftserwartungen erhöhen die Risikoprämien und halten viele Unternehmen derzeit von einem Kapitaleinsatz in den Reformländern ab. Sie bevorzugen anstattdessen den Güterexport in die Reformländer.

Wesentliche Bedeutung wird dem Privatisierungsprozeß in Mittelosteuropa beigemessen. Die Privatisierungspolitik unterscheidet sich nicht nur zwischen den vier Ländern, sie unterliegt auch temporären Schwankungen. So sind die Modalitäten hinsichtlich des Grundstückserwerbs und der Mehrheitsbeteiligung an einheimischen Firmen, das Privatisierungsverfahren, die Eigentumsabsicherung oder die mögliche Diskriminierung ausländischer Unternehmer für die Entscheidung einer Investition bedeutsam. Relevant ist auch der Umfang der Privatisierung. Er beeinflußt die Entwicklung des lokalen Wettbewerbsumfeldes und der räumlichen Agglomerationsvorteile (s.o.). - Wie der gesamte Reformprozeß verlief auch die Privatisierung in den vier Ländern ungleichmäßig. Der eingangs verheißungsvollen Entstaatlichungspolitik folgten Ernüchterungen, die sich zum Teil auf das Verharren sozialistischer Strukturen und Denkmuster zurückführen lassen (vgl. Punkt b.).

Weiterhin von Bedeutung sind die politischen Regelungen zur außenwirtschaftlichen Liberalisierung und zur bevorzugten Behandlung ausländischer Investoren. In beiden Bereichen trug die Wirtschaftspolitik bisher zu einer Verbesserung der Standortbedingungen der Visegrádstaaten bei. So begünstigen die Schritte zur Handelsliberalisierung und die Regeln zum Warenursprung in den Europaabkommen insbesondere produktionskostenorientierte Investitionen.

 

 

5.2.3 Kurzfristige empirische Entwicklungstrends der Direktinvestitionen in den Visegrádstaaten

 

Tab. 5b: Bestände ausländischer Direktinvestitionen (Mio US-$ und Prozent), MOE, 1989-94

 

Mio US-$

Prozent

 

-1989

1989

1991

1994

1989

1991

1994

PL

9

100

305

1.801

100

305

1.801

CR

0

171

802

3.208

100

469

1.876

SR

0

85

247

498

100

291

586

H

363

550

2.346

7.621

100

427

1.386

Berechnet nach: Europäischen Kommission 1994 (d), DIW-Kooperationsbüro 1995

Die empirische Entwicklung zeigt im Vergleich zu den Jahren vor der politischen Wende eine deutliche Zunahme der ausländischen Direktinvestitionen in allen vier Reformländern (vgl. Tab. 5b). Dabei war der Anstieg unterschiedlich hoch. Eindrucksvolle Zuwächse verzeichnete Ungarn, wo bereits vor 1989 in gewissem Umfang ausländische Kapitalzuflüsse zugelassen worden waren. 1994 wies nach Ungarn die Tschechische Republik mit 3,2 Mrd US-$ den höchsten Bestand an Direktinvestitionen auf. Erst dann folgte Polen als größtes der vier Länder und mit Abstand die Slowakei. Die weitaus meisten Investoren stammen dabei aus den Ländern der EU. Ihr Anteil lag 1993 bei durchschnittlich 52% gegenüber 43% im Jahr 1991. Nur in Polen sank er dabei leicht von 53% auf 51%.

Die wirtschaftliche und politische Transformation spiegelt sich also - in Verbindung mit den außenwirtschaftlichen Liberalisierungsmaßnahmen - unmittelbar in einem Anstieg der Direktinvestitionen wider. Der in den Europaabkommen ratifizierte freie Güterhandel, die Erleichterungen beim Realkapitalverkehr sowie die Verpflichtungen zu einer Vielzahl von Rechtsangleichungen an die EU haben den Kapitalzufluß aus den westlichen Nachbarländern weiter begünstigt. Parallel zum Anstieg der Direktinvestitionen war ein deutlicher Zuwachs der Joint-Ventures zu verzeichnen. Die Investoren suchen die Erfahrungen der lokalen Unternehmen und Netzwerkbeziehungen zu den anderen Märkten Osteuropas.

In allen vier Ländern lagen zudem die Arbeitskosten ausgesprochen niedrig. Sie blieben im teuersten Land Ungarn unter der Hälfte des billigsten EU-Landes Portugal (vgl. auch Kap. 6.4). Zudem war ihr realer Anstieg in den letzten Jahren vergleichsweise gering.

Unterscheidet man die Investitionszuflüsse nach Ländern, so sind Zusammenhänge zur ökonomischen Entwicklung und zur Transformationsbewältigung festzustellen. Ungarn und die Tschechische Republik, die seit 1989 den Hauptteil der Auslandsinvestitionen auf sich vereinen konnten, weisen die relativ höchsten Pro-Kopf-Einkommen auf. Relativ hohe Pro-Kopf-Einkommen mögen für absatzgeleitete Direktinvestitionen von besonderer Bedeutung gewesen sein (s.o.). Zudem wird den beiden Ländern der bisher relativ günstigste Transformationsverlauf attestiert. Der Privatisierungsfortschritt und das Vertrauen in die Stabilität und Stetigkeit des Reformprozesses verhalf ihnen gegenüber den anderen Reformstaaten zu insgesamt größeren Investitionszunahmen. Ungarn zeichnete sich bereits vor 1989 durch eine liberalere Wirtschaftspolitik aus. Seine Vorreiterrolle im politischen Reformprozeß und die traditionellen Verbindungen, die einige EU-Unternehmen zu Ungarn haben, förderten ein Engagement vor Ort. Die Tschechische Republik ist darüber hinaus durch einen vergleichsweise guten industriellen und infrastrukturellen Ausbau gekennzeichnet. Dazu trägt insbesondere der Bankensektor bei. Der Anstieg der Investitionen in diesem Land ist besonders hervorzuheben, da die tschechische Regierung als einzige der betrachteten Länder nur geringe Anreize für ein Vor-Ort-Engagement ausländische Unternehmen schafft.

Zusätzliche Informationen liefern die auf das Jahr 1989 indizierten Entwicklungspfade der Realkapitalzuflüsse (vgl. Tab. 5b und Abb. 5a). Polen, mit einem vor 1990 geringen Bestand ausländischer Investitionen, verzeichnete seither kontinuierlich deutliche Zuwächse. Seit 1992 lagen diese im Vergleich der vier Länder am höchsten. Der Investitionsanstieg wurde nicht vornehmlich von den Unternehmen der EU begründet. In den Jahren 1991-93 stiegen deren Investitionen zwar, aber ihr Anteil an den weltweiten Investitionen in Polen ging zurück. Der Investitionszuwachs korrelierte positiv mit dem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (in US-$) und dem des Pro-Kopf-Einkommens. Polens Schocktherapie zur Errichtung eines marktwirtschaftlichen Systems führte eingangs zwar zu erheblichen realen Einbrüchen. Aber mit Überschreiten der Wachstumsschwelle wuchs auch das Vertrauen der ausländischen Investoren. Die weiter existierenden Schwierigkeiten innerhalb der Regierung sowie die verschleppte Massenprivatisierung haben den Investitionsbestand bisher jedoch vergleichsweise niedrig gehalten.

Der Investitionsanstieg in Ungarn und der Tschechischen Republik war demgegenüber ungleichmäßiger. Die Verringerung des Kapitalzuwachses in der Tschechischen Republik im Jahr 1993 könnte insbesondere mit der Teilung des Landes zusammengehangen haben. Auch in der Slowakei war hier eine Abnahme zu beobachten. Vor allem das Neu-Engagement der EU-Unternehmen war geringer als im Vorjahr. Die Bedenken gegenüber Stabilitätsverlusten sowie die Verkleinerung des Absatzmarktes wirken investitionshemmend (s.o.). Der geringere Investitionsanstieg in Ungarn im Jahr 1994 mag mit dem Stocken des Reformprozesses in Verbindung stehen. Das doppelte Staatsdefizit sowie die Rücknahmen im Privatisierungsprozeß dürften eine Zunahme der Investitionsanstiege verzögert haben.

Abb.5a: Anstieg der Direktinvestitionen (1990=100),
MOE, 1990-1994

Berechnet nach: DIW-Kooperationsbüro 1995

Die Zunahme der Direktinvestitionen mit Beginn des Transformationsprozesses zeigt, daß Mittelosteuropa besondere Kennzeichen aufweist, die den Investitionsstandort gegenüber anderen Regionen vorteilhaft erscheinen lassen. Daß der Zustrom bisher nicht höhere Ausmaße aufwies, dürfte in erster Linie auf die ungewisse Zukunft der Transformation zurückzuführen sein. Der noch nicht abgeschlossene Reformprozeß, politische Unstimmigkeiten und das Fehlen wichtiger marktwirtschaftlicher Institutionen verunsichern derzeit noch viele Unternehmen. Unsichere Erwartungen sowie das Fehlen adäquater Partnerunternehmen lassen die westlichen Investoren in einer Wartestellung verharren. Sie bevorzugen oftmals eine graduelle Internationalisierungsstrategie und beliefern die Reformstaaten zur Zeit eher durch den Außenhandel, als sich vor Ort mit größerem Kapitaleinsatz zu engagieren.

 

 

5.2.4 Längerfristige Entwicklungsperspektiven der Direktinvestitionen

In Anlehnung an die analysierten Motive und ihre bisherige empirische Relevanz folgen einige Gedanken über die mögliche längerfristige Investitionsentwicklung in Mittelosteuropa. Vorgestellt werden verschiedene Argumente, die auf der einen Seite für eine eher ungünstige Entwicklung und auf der anderen Seite für nachhaltige Zuwächse an Direktinvestitionen in den Visegrádstaaten sprechen könnten (vgl. Punkt b. und c.). Die Erfahrungen der EG-Süderweiterung belegen, daß beide längerfristigen Szenarien denkbar sind (Punkt a.).

 

a. Entwicklung der Auslandsinvestitionen nach der EG-Süderweiterung

Die längerfristige Entwicklung der Direktinvestitionen in den drei südeuropäischen Ländern seit ihrer EG-Mitgliedschaft könnte Hinweise für den zukünftigen Investitionsverlauf in Mittelosteuropa geben.

Tab. 5c.: Bestände ausländischer Direktinvestitionen (Mio ECU und Prozent), EUR3,
1984-92

Mio ECU*

Prozent

1984

1987

1990

1992

1984

1987

1990

1992

GR

-12

761

1.562

2.302

100**

315

648

955

E

2.323

11.980

34.980

49.618

100

516

1.506

2.136

PG

251

1.189

5.322

8.738

100

474

2.120

3.481

* Auf eine Umrechnung in Dollar (vgl. Tab. 5b) wurde aufgrund der hohen Wechselkursschwankungen
verzichtet. ** Hier: 1985=100

Berechnet nach: EUROSTAT 1995

Tab. 5c veranschaulicht zwischen 1984 und 1992 einen zum Teil deutlichen Anstieg der Direktinvestitionen in den Beitrittsländern. Auch hier stellten die Unternehmen der EG-Länder den größten Investitionsanteil. Es läßt sich somit seit EG-Beitritt auf deutliche Integrationseffekte schließen.

Von den drei Ländern wies Spanien den höchsten Investitionsbestand auf. Das Land profitierte vermutlich von seiner Marktgröße und seinem relativ hohen wirtschaftlichen Entwicklungsstand. Die Entwicklung in den drei Beitrittsländern verlief divergent. Während die Investitionen in Portugal bis 1992 um ihr vierunddreißigfaches stiegen, läßt sich die relative Entwicklung in Griechenland als eher ungünstig bezeichnen. Zwar verzehnfachten sich hier die Kapitalzuflüsse im betrachteten Zeitraum, jedoch lag zum einen das Ausgangsniveau äußerst niedrig, und zum anderen blieben die jährlichen Zuwachsraten nahezu konstant.

Wie beim intra-europäischen Güterhandel verlief somit auch hier die Integrationsentwicklung von Griechenland und den iberischen Ländern zweigeteilt. Die Höhe des Investitionszustroms korrelierte positiv mit der Entwicklung der relativen Pro-Kopf-Einkommen (vgl. dazu auch 5.3.3). Für die unterschiedliche Entwicklung werden mehrere Faktoren verantwortlich erklärt. Als entscheidende Einflußgrößen gelten die nationale Wirtschaftspolitik, die geographische Anbindung zum EG-Zentrum und die lokale Infrastrukturausstattung.

In der wirtschaftspolitischen Ausrichtung der drei südeuropäischen Länder waren bisher deutliche Unterschiede zu beobachten:

Wenngleich für die unterschiedliche Entwicklung von Volkswirtschaften ein System komplexer Einflußfaktoren verantwortlich ist, können am Beispiel Südeuropas signifikante Zusammenhänge zwischen der wirtschaftspolitischen Ausrichtung und dem Zufluß von Auslandsinvestitionen festgehalten werden. Die seit ihrem EG-Beitritt verstetigte Politik und der schrittweise Rückzug des Staates aus dem Produktionsgeschehen hat ein Engagement der EU-Unternehmen in den iberischen Ländern begünstigt. Griechenland als Land mit dem geringsten Investitionszuwachs weist zugleich eine relativ gering entwickelte Infrastruktur auf. Neben der ohnehin ungünstigen geographischen Lage sind seine Verkehrswege mangelhaft, das Kommunikationssystem ist schwach ausgebaut und auch das lokale Wettbewerbsumfeld vergleichsweise unterentwickelt.

 

 

b. Pessimistisches Szenario: Längerfristige Hindernisse für den Zustrom von Auslandsinvestitionen nach Mittelosteuropa

Für die mittelosteuropäischen EU-Anwärter lassen sich aus den Integrationserfahrungen Südeuropas zwei unterschiedliche langfristige Entwicklungsszenarien ableiten: ein optimistisches Szenario, das der Entwicklung in den iberischen Ländern folgt und ein eher pessimistisches Szenario, das einen nur zögerlichen Investitionszufluß, wie er in Griechenland beobachtet werden konnte, beschreibt.

In diesem Abschnitt folgen zunächst einige Ideen, die für einen langfristig ungünstigen Investitionsverlauf in Mittelosteuropa sprechen. - Die bisherigen Entwicklungstendenzen der Direktinvestitionen sind zwar positiv, für einen dauerhaften Anstieg von Produktion und Arbeitsnachfrage aber noch deutlich zu niedrig. Die ehemaligen Planwirtschaften sind zur Zeit mit einer Reihe von Nachteilen behaftet, deren Fortbestand auch langfristig ein gesteigertes Engagement der EU-Unternehmen verhindern könnte.

In Kapitel 4.3.2 und 4.3.6 wurde die Entstehung regions- und branchenbezogener Agglomerationsvorteile im Kernraum der Europäischen Union begründet. Diese sind nicht nur für die Entwicklung zukünftiger Handelsströme bedeutsam, sondern auch für die Standortentscheidungen der Investoren. Im Umfeld des höher entwickelten Standorts ist es den Unternehmen möglich, ihre Produktionskosten aufgrund von internen und externen Skalenerträgen niedrig zu halten (vgl. Kap 4.3.6). Die geringen Arbeitskosten als Investitionsmotiv in Mittelosteuropa könnten also durch die agglomerationsbedingten Kostenvorteile in den EU-Kernländern überkompensiert werden. Die Direktinvestitionen würden gering bleiben, die Wachstumsaussichten ungünstiger. Wird ein regionales Produktions- und Nachfragewachstum in Mittelosteuropa von den potentiellen Investoren als mittelfristig unwahrscheinlich eingeschätzt, so mögen zusätzlich absatzgeleitete Investitionen ausbleiben. Diesen ‘Teufelskreis’ beschreibt Myrdal (1957) in seinem Modell der ‘Cumulative Causation’. Demnach konzentriert sich das (Real-)Kapital auch weiterhin im Kernraum der EU. Die mittelosteuropäischen Länder würden nach diesem Szenario den bisherigen Weg Griechenlands beschreiten. Dort kam es in den Jahren seit dessen Beitritt nicht zu einem Anstieg der Investitionszuflüsse.

Wie hervorgehoben, werden die EU-Investitionen in den Visegrádstaaten besonders von deren nationaler Wirtschaftspolitik beeinflußt. Die Visegrádstaaten stehen - im Vergleich zu Griechenland nach 1975 - in noch viel stärkerem Maße vor dem Problem eines grundlegenden politischen Wandels. Die Unsicherheit über den Verlauf und die Dauer des Transformationsprozesses belassen möglicherweise langfristig die Risikoprämien der Investoren auf hohem Niveau. Die jüngsten politischen Entwicklungen haben gezeigt, daß ein Großteil der Wählerschaft nicht bereit ist, die erforderlichen rigorosen ökonomischen Deregulierungsmaßnahmen mitzutragen. Ähnlich wie in Griechenland waren die politischen Zyklen in den Visegrádstaaten bisher deutlich ausgeprägt; es kam zu häufigen Kurswechseln, die auch die Wirtschafts- und Privatisierungspolitik deutlich beeinflußten (vgl. Kap. 2.1).

Die Agglomerationsvorteile der EU, der mangelnde Ausbau der Infrastruktur in Mittelosteuropa, ihr erheblicher wirtschaftspolitischer Umstellungsbedarf sowie die politischen Widerstände und Verwerfungen könnten die Reformstaaten somit vor ein Dilemma stellen. Ausländische Direktinvestitionen, die als wichtiger Motor für den Konvergenzprozeß und zur Linderung der wirtschaftlichen und politischen Probleme anzusehen sind, würden zugleich aufgrund dieser Probleme ausbleiben. Das pessimistische Szenario stützt sich auf einen Teufelskreis, aus dem die Reformstaaten langfristig kaum ausbrechen können.

 

c. Optimistisches Szenario: Chancen für einen nachhaltigen Investitionsanstieg in Mittelosteuropa

Das pessimistische Szenario vernachlässigt eine Reihe von Potentialen der mittelosteuropäischen Reformstaaten. Die iberischen Länder - mit ähnlichen Ausgangsbedingungen nach ihrer politischen Umorientierung - haben gezeigt, daß niedrig entwickelte Volkswirtschaften im Zuge der Marktintegration von einem erheblichen Zuwachs ausländischer Investitionen profitieren können.

Wie bisher festgehalten, sind für eine positive Direktinvestitionsentwicklung in den Visegrádstaaten zwei Faktoren von entscheidender Bedeutung: erstens der Erholungs- und Wachstumsprozeß der Volkswirtschaften bzw. die diesbezüglichen Erwartungen der Investoren und zweitens die politischen Bemühungen beim Vorantreiben des Reformprozesses. Dabei kommt der sukzessiven Integration Mittelosteuropas in die EU eine wichtige Rolle zu. Gütermarktintegration und Binnenmarkt liberalisieren zum einen irreversibel die Güter- und Faktorbewegungen und erwirken eine Senkung der Tauschkosten zwischen den Regionen. Sie forcieren zum anderen aber auch die Angleichung der Rechtssysteme und der marktwirtschaftlichen Regelwerke.

Ein erheblicher Anteil der EU-Investitionen nach dem politischen Umbruch war durch die kurzfristige Gewinn- und Absatzaussichten bestimmt. Die eingangs teilweise euphorischen Erwartungen mußten jedoch in vielen Fällen wieder zurückgenommen werden: Der Reformprozeß und die Wachstumsbeschleunigung gestalteten sich langwieriger als von vielen westlichen Unternehmen erwartet. - Längerfristig schafft die zunehmende Durchsetzung marktwirtschaftlicher Institutionen sowie der Zusammenschluß der ost- und westeuropäischen Märkte eine Grundlage für weitere Investitionen in den Visegrádstaaten. Die seit 1994 wieder günstigeren globalen Wachstumsziffern der vier Länder und eine weitgehende Sättigung der Märkte der Union unterstützen die Motivation der EU-Unternehmen, die Märkte Mittelosteuropas weiter zu erschließen und abzusichern.

Auch das zweite Investitionsmotiv (vgl. 5.2.2a) kann langfristig an Gewicht gewinnen. Bereits die bisherigen Erfahrungen zeigen, daß die niedrigen Arbeitskosten und Steuervorteile der Visegrádstaaten trotz der vorhandenen Agglomerationsvorteile in der EU ein Vor-Ort-Engagement in Mittelosteuropa begründen. In den Produktionsbereichen, in denen die Arbeitskosten einen erheblichen Anteil an den Gesamtkosten ausmachen, können Agglomerationsvorteile überkompensiert werden. Hier kann die Produktionsauslagerung langfristig eine lebensnotwendige Strategie der EU-Unternehmen darstellen, sich im Wettbewerb gegenüber Billiglohnländern auf dem Weltmarkt zu behaupten.

Derart motivierte Investitionen scheinen insbesondere bei technologisch anspruchsvolleren Produktionen wahrscheinlich. Im Bereich weltweit standardisierter arbeitsintensiver Produktionen, in denen mittelosteuropäische Unternehmen bereits im vergangenen Zeitraum günstigere Fertigungskosten aufwiesen, dürften diese auch in Zukunft von Westfirmen vor Ort kaum verdrängt werden. Hier werden sich vermutlich auch langfristig verschiedene Formen des Sub-Contracting durchsetzen. Direktinvestitionsanreize zur Einsparung von Produktionskosten ergeben sich eher im Bereich von Gütergruppen, bei denen die Visegrádstaaten bisher wenig wettbewerbsfähig waren. Die westlichen Unternehmen weisen Internalisierungsvorteile eher bei höheren Anforderungen an Management- und Technologiewissen und somit bei technologieintensivem Handel, intra-sektoraler Produktdifferenzierung und unternehmensbezogenen Dienstleistungen auf. Produktionsverlagerungen im Bereich von mobilen Schumpeter-Industrien sowie von Gütern in der Expansionsphase ihres Lebenszyklus (vgl. Kap. 4.3.4) verbinden die technologischen Vorteile westlicher Unternehmen mit den Produktionskostenvorteilen Mittelosteuropas. Hier ist im Zeitverlauf ein Ausbau der Investitionstätigkeit wahrscheinlich.

Eine wichtige Rolle für eine langfristig positive Investitionsentwicklung spielt - im Vergleich zu Griechenland - die günstige geographische Lage der Visegrádstaaten in unmittelbarer Nähe zu den Zentralländern der EU. Zwar ist die lokale Verkehrsinfrastruktur erst schwach ausgebaut; zumindest ist aber die Verkehrsanbindung der EU-Zentralländer in die Reformländer vergleichsweise günstig.

Die unterschiedliche Entwicklung der Investitionszuflüsse nach Griechenland und in die iberischen Länder unterstreicht weiterhin die große Bedeutung der nationalen Wirtschaftspolitik für die langfristige Veränderung des unternehmerischen Engagements in Mittelosteuropa. Vielfach wird davon ausgegangen, daß mit einer erfolgreichen Transformation zugleich ein Erholungs- bzw. Wachstumsprozeß der lokalen Produktionstätigkeit und Nachfrage in Gang gesetzt wird. Der Erholungs- und Wachstumsfortschritt ist wiederum Grundlage für einen Anstieg absatzorientierter Direktinvestitionen. Eine stringente Transformationsbewältigung schafft aber auch aufgrund ihrer stabilisierenden Wirkung ein besseres Investitionsklima (vgl. 5.2.2a, Punkt 4). Ein voll funktionsfähiges Marktsystem und der weitgehende Rückzug des Staates aus dem Produktionsgeschehen verringert die Investitionsunsicherheiten der EU-Unternehmen.

Als zentrale Anforderung zur umfangreichen Anziehung ven EU-Investitionen erweist sich der zügige Abschluß der Systemtransformation. Dabei sind nach Möglichkeit Kurswechsel der Wirtschaftspolitik zu vermeiden und die Stringenz der beschlossenen Maßnahmen sicherzustellen. Für einen Zufluß von Investitionen ist ferner ein umfassender Ausbau der nationalen bzw. lokalen wirtschaftsnahen Infrastruktur in Mittelosteuropa erforderlich. Hierbei kommt der Strukturpolitik der EU eine bedeutende Aufgabe zu.

Dynamische und stetige Entwicklungen der Direktinvestitionen in längerfristiger Sicht erfordern glaubwürdige Perspektiven der künftigen Integrationsentwicklung der osteuropäischen Peripherie - analog zu den beobachtbaren Wartezeiten der ausländischen Investoren in den iberischen Ländern. Die irreversible Integration mit den Märkten der EU mit der Perspektive einer Mitgliedschaft schafft nach den Erfahrungen der iberischen Länder günstige Voraussetzungen für einen vermehrten Zustrom von Investitionen.

Ein Anstieg der Investitionen mag seinerseits weitere Realkapitalzuflüsse nach sich ziehen (Kohorteneffekte). Dabei ist eine zunehmende regionale und branchenbezogene Konzentration der Investitionen denkbar (vgl. Kap. 4.3.6). Im folgenden Abschnitt wird dargestellt, inwieweit Direktinvestitionen dynamische Wirkungen auf die Produktionstätigkeit und Arbeitsnachfrage entfalten können.

5.3 Realwirtschaftliche Effekte von Direktinvestitionen

5.3.1 Reale Wachstumsimpulse für Mittelosteuropa durch
Direktinvestitionen ?

Nach der Analyse der Motive stehen im folgenden die Wirkungen von Direktinvestitionen im Blickpunkt. Im Zeitraum vor der politischen und außenwirtschaftlichen Umorientierung gerieten die Visegrádstaaten zunehmend in eine Situation, die für eine Vielzahl von Entwicklungsländern symptomatisch ist: Niedrige Pro-Kopf-Einkommen, negative Zukunftserwartungen, ein geringer technologischer Entwicklungsstand sowie ein - mit Beginn des wirtschaftlichen Umbruchs - zu niedriges Sparvolumen induzierten negative Rückwirkungen auf die zukünftige Produktionsentwicklung der Volkswirtschaften. Hinzu kam, daß ausländische Kapitalzuflüsse begrenzt waren bzw. politisch erheblich behindert wurden.

Im Zuge der Marktintegration mit der EU werden vom Realkapitalzustrom entscheidende Wachstumsimpulse für Mittelosteuropa erwartet. Mehr noch als die Ausdehnung des Güterhandels bietet der Zufluß von Direktinvestitionen eine Chance, den befürchteten Teufelskreis zu verhindern. Direktinvestitionen ermöglichen

Damit unterstützt ein verstärktes kapitalgebundenes Engagement von EU-Unternehmen nicht nur die beschleunigte Systemtransformation in Mittelosteuropa, sondern erlaubt zugleich einen dauerhaften Anstieg der Produktion und damit der Volkseinkommen. Gleichzeitig erhalten die Reformstaaten die Chance, ihre Arbeitsmarktlage und die Situation ihrer öffentlichen Haushalte nachhaltig zu verbessern.

Neben diesen positiven Effekten kann das ausländische Engagement auch ungünstige Wirkungen im Gastland entfalten. Es ist insbesondere zu analysieren, ob die in Mittelosteuropa vorgenommenen Investitionen lokale Produktionen verdrängen oder eher ergänzen.

Aufgrund der komplexen Wirkungsmechanismen läßt sich eine mögliche Verdrängung heimischer Produzenten nur schwer glaubhaft darlegen. Wie im 4. Kapitel herausgestellt wurde, verliert eine Vielzahl mittelosteuropäischer Unternehmen bei Öffnung der Gütermärkte zunächst Marktanteile an die Anbieter der EU. Aufgrund ihrer mangelnden internationalen Wettbewerbsfähigkeit werden sie durch die Intensivierung des bilateralen Handels verdrängt. Dient die Direktinvestition eines Unternehmens vorrangig dem Absatz seiner Produkte vor Ort, so ersetzt dieser Vor-Ort-Verkauf häufig den Export der Produkte von seinem Sitzland aus. Die Direktinvestition würde in diesem Fall zwar ebenfalls mittelosteuropäische Produktionen ersetzen, jedoch nicht zu einer zusätzlichen Verdrängung führen. Zu zusätzlichen Verdrängungseffekten kommt es hier dagegen, wenn das investierende Unternehmen durch seine Vor-Ort-Präsenz seine Produkte besser vermarkten kann, als wenn er von seinem Sitzland aus operiert.

Eine Verdrängung mittelosteuropäischer Produktionen ist weiterhin möglich im Fall nicht-handelbarer Güter sowie bei ausschließlich produktionskostenorientierten Investitionen der EU. Doch auch bei einer teilweise Verdrängung von Produktionen dürften die positiven Wirkungen solcher Direktinvestitionen deutlich überwiegen. Die EU-Unternehmen werden bei Produktionsverlagerungen nicht nur das Sitzland, sondern alle Absatzstandorte innerhalb und außerhalb der EU beliefern. Sie beleben somit zugleich den Export Mittelosteuropas. Die Investitionen der EU erlauben durch den Zufluß von Kapital, Technologie und Management eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der betreffenden Industrien und damit schließlich eine dauerhafte Expansion der Produktion in den Visegrádstaaten.

5.3.2 Der Zusammenhang von Direktinvestitionen, Technologietransfer und Humankapital

Kapitel 4 hob den Technologietransfer als entscheidenden Beitrag zu einem Anstieg der Wettbewerbsfähigkeit und einem Ausbau der Produktion in Mittelosteuropa hervor. Die wichtigste und effizienteste Möglichkeit des Technologietransfers liegt dabei weniger in der Produktimitation oder dem Lizenzerwerb, sondern in der Übertragung durch Direktinvestitionen. Für die transformierenden Planwirtschaften sind die Direktinvestitionen auch deshalb von besonderer Bedeutung. Sie liefern das erforderliche Komplement zum Ressourcenbestand der vier Länder: Das kostengünstige, bisher aber ineffizient genutzte Humankapital wird vervollständigt durch den Zufluß von Kapital, technischem Wissen und insbesondere von Management-Know-how.

Kritiker verweisen darauf, daß die bisherige Investitionsentwicklung in Mittelosteuropa die Hypothese eines umfangreichen Technologietransfers nicht stütze. Ihrer Meinung nach spezialisiere sich der Kernraum der EU in Zukunft weiterhin auf technologieintensive, ertragreiche Produktionen. Multinationale Unternehmen verlagerten höchstens arbeitsintensive Produktionsabschnitte oder Distributionsstellen in die Reformländer. Der Technologietransfer bleibe auf die Verbesserung der Produktionsabläufe beschränkt. In der Folge würde ein dauerhafter Anstieg der Produktion und der Volkseinkommen in Mittelosteuropa ausbleiben

Gegen eine solche Entwicklung, die für eine Vielzahl der unterentwickelten Volkswirtschaften typisch sein mag, spricht der relativ hohe Humankapitalbestand Mittelosteuropas. Er fördert einen Zustrom von Direktinvestitionen im Bereich technologisch anspruchsvollerer Produktionen und unternehmensbezogenen Dienstleistungen sowie den Ausbau der intra-sektoralen Produktdifferenzierung.

Die mit der Investition übertragene Technologie variiert von eher einfachen Produktionstechniken bis hin zu anspruchsvollen Produktentwürfen, deren Design vor Ort zu entwickeln ist. In entsprechendem Umfang werden zunehmende Fähigkeiten der lokalen Arbeitskräfte bei der Anwendung der neuen Technologie benötigt. Empirische Untersuchungen belegen eine positive Korrelation zwischen dem Humankapitalbestand und der lokalen Wettbewerbsintensität auf der einen und der Technologieintensität der ausländischen Direktinvestitionen auf der anderen Seite. Je höher also die Ausbildung der lokalen Arbeitskräfte, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß Unternehmen mit höheren technologischen Anforderungen verstärkt in Mittelosteuropa investieren werden.

Wie in Kapitel 4.3.4 verdeutlicht, könnte die Ausbildung der mittelosteuropäischen Arbeitskräfte in vielen Fällen ausreichen, westliche Technologie produktiv anzuwenden. Da die Ausbildung jedoch vorwiegend politisch bestimmt war und in der beruflichen Dimension weniger an den Erfordernissen der Weltmärkte ausgerichtet wurde, sind Anpassungen unvermeidlich. Je höher die Anforderungen der neuen Technologie an die Eigenständigkeit und unternehmerische Flexibilität sind, desto aufwendiger und zeitintensiver dürfte die Umschulung bzw. Weiterbildung der Arbeitskräfte sein.

Auch hier zeigt die Direktinvestition ihre Überlegenheit gegenüber dem Technologietransfer via Lizenzerwerb oder Produktimitation. Der Technologietransfer umfaßt bei Direktinvestitionen nicht nur Produktionstechnologien oder das Produktdesign; "it is the transfer of entrepreneural skills that truly destinguishes the Multinational Enterprises from other modes of capital or technology transfer."  Um die Rentabilität ihres Kapitaleinsatzes zu sichern, entsenden die westlichen Investoren zusätzlich eigene Manager in das Gastland. Die Manager vermitteln Fähigkeiten zur effizienten Unternehmensorganisation und -führung, Vermarktungsstrategien, Beziehungen zu anderen westlichen Unternehmen und eine Vielzahl weiterer in Mittelosteuropa erforderlicher Institutionen. Zusammen mit den lokalen Mitarbeitern können sie ihr Wissen den regiospezifischen Erfordernissen anpassen und produktiv umsetzen.

Auf diese Weise ermöglichen Direktinvestitionen durch den Transfer von Technologie und Managegement-Know-how zugleich positive Synergieeffekte für das lokale Umfeld. Die betriebliche Aus- und Weiterbildung unterstützt den Aufbau eines marktadäquaten Wissens, das einheimische Arbeitskräfte für eigene unternehmerische Aktivitäten rüstet.

5.3.3 Die Beziehung zwischen Direktinvestitionen, Außenhandel und Volkseinkommen

Darüber, inwieweit die Realkapitalwanderung gegenüber dem freien Güterverkehr zusätzliche Wohlfahrtseffekte bewirkt, besteht in der Theorie Uneinigkeit. Die neoklassische Sichtweise unterstellt eine substitutive Beziehung zwischen Kapital- und Güterverkehr: Internationale Unterschiede in den Renditeerwartungen führen zu einem Zustrom von Kapital in das Land, in dem Kapital relativ knapp ist. Dadurch kommt es dort zu einem Anstieg der Kapital-Arbeits-Verhältnisse. Die freie Wanderung des Kapitals führt letztlich zu einem Ausgleich der Faktorpreise. Ihre Wirkung entspricht somit den Anpassungsmechanismen des internationalen Güterhandels; beide Austauschbeziehungen haben substitutiven Charakter.

Neuere Ansätze belegen auf der anderen Seite, daß sich Kapital- und Güterverkehr auch ergänzen können. So wird vielfach darauf hingewiesen, daß der freie Güterhandel keinen vollkommenen Ausgleich der Faktorpreise bewirkt. Verbleibende Faktorpreisdifferenzen erhalten den Anreiz zur Wanderung der Produktionsfaktoren. Neben der Realitätsferne der neoklassischen Modellannahmen wird weiterhin die Vernachlässigung dynamischer Effekte kritisiert. So kann die Vor-Ort-Präsenz eines Unternehmens durch das verbesserte Product-Placement gleichzeitig zu einer Exportsteigerung des Produktes (aus der Perspektive des Sitzlandes) führen. Auf der anderen Seite fördert die Auslandsinvestition und mit ihr der Tansfer von Technologie und Management-Know-How die Exporttätigkeit der neuen Niederlassung und damit des Gastlandes. Die Faktorwanderung führt zu einer Ausdehnung komparativer Vorteile und zu Expansionseffekten beim Güteraustausch. Es entstehen Möglichkeiten der Nutzung neuer Technologien, die zur Verbesserung und Differenzierung der Produktqualitäten beitragen. So wird letztlich auch die Entstehung intra-industrieller Handelsstrukturen gefördert.

In dieser Untersuchung wurde bisher davon ausgegangen, daß sowohl die Intensivierung des Handels als auch eine Zunahme des (Real-)Kapitalzuflusses zu einer dauerhaften Steigerung von Produktion und Arbeitsnachfrage in Mittelosteuropa beitragen. Die Idee einer stufenweisen Integration der Visegrádstaaten baut auf ein Zusammenwirken und eine gegenseitige Unterstützung beider Austauschformen.

Gestützt wird diese Behauptung durch die Erfahrungen der EG-Süderweiterung. Der Einkommensanstieg der iberischen Länder wurde von einer gleichzeitigen Expansion des Handels und der Direktinvestitionen begleitet. Beides, die Integration der Gütermärkte und die schrittweise Erleichterung des grenzüberschreitenden unternehmerischen Engagements, dürften für den Aufholprozeß Spaniens und Portugals von großer Bedeutung gewesen sein.

Tab. 5d: Entwicklung der Pro-Kopf-BIP, IIT-Indices, Direktinvestitionen, EUR3, 1984-92

 

GR

E

PG

Jahr

Pro-Kopf-BIP*

IIT-Index**

DI***

Pro-Kopf-BIP

IIT-Index

DI

Pro-Kopf-BIP

IIT-Index

DI

1984

44,7  

0,30 

100 

53,9  

0,57 

100 

26,6  

0,38 

100 

1989

36,0  

0,31 

520 

65,4  

0,64 

1.067 

32,2  

0,41 

1.336 

1992

36,5  

0,31 

955 

71,0  

0,63 

2.136 

43,4  

0,44 

3.481 

* EG=100, ** Vgl. Tab. 4c, *** 1984=100

Berechnet nach Europäische Kommission 1995 (d), EUROSTAT 1994 und 1995

Tab. 5d stellt die Entwicklung der relativen Pro-Kopf-Einkommen (vgl. Kap. 2.2.2) denen der Direktinvestitionen (DI) und des intra-industriellen Handels (IIT (vgl. Kap. 4.3.6)) gegenüber. Die Daten Südeuropas belegen signifikante Zusammenhänge der Indikatoren im Verlauf der EG-Integration:

(1) Die drei Indikatoren korrelieren im Fall der iberischen Länder positiv. Parallel zur Einkommensangleichung an die übrigen EG-Länder war ein Anstieg sowohl der Direktinvestitionen als auch des intra-industriellen Handels zu verzeichnen. In Griechenland, dessen relatives Pro-Kopf-Einkommen sank, blieb auch der Umfang des intra-industriellen Handels niedrig. Die Direktinvestitionen wuchsen nur mäßig.

(2) Beide Austauschformen sind bedeutsam für den Einkommensanstieg der Peripherieländer: In Punkt a. wurde die positive Bedeutung der Direktinvestitionen für die Produktions- und Einkommensentwicklung herausgestellt. Ebenso ist die Beteiligung der niedriger entwickelten Länder am intra-industriellen Handel für den Konvergenzprozeß grundlegend. Durch die Produktion und den Export von Gütern mit höherer Wertschöpfung - die vorher fast ausschließlich dem Kernraum der EG vorbehalten waren - konnten die Volkswirtschaften ihr Einkommen steigern. Portugal mit den deutlichsten Zuwächsen bei Direktinvestitionen und intra-industriellem Handel wies zugleich auch den höchsten Anstieg des relativen Pro-Kopf-Einkommen auf.

(3) Theoretische Ansätze kommen zu dem Ergebnis, daß mit zunehmender Konvergenz der Einkommen zwischen den tauschenden Ländern erstens deren bilateraler Handel vorwiegend innerhalb von Branchen stattfindet und zweitens der beiderseitige Realkapitalaustausch steigt. So finden die meisten Direktinvestitionen zwischen den hochentwickelten Industrieländern statt. Die Entwicklung in Spanien bestätigt diesen Zusammenhang. Als Land mit dem relativ höchsten Pro-Kopf-Einkommen lagen sowohl dessen intra-industrieller Handelsanteil als auch die Direktinvestitionen deutlich höher als in Portugal und Griechenland.

(4) Der erhebliche Anstieg der Direktinvestitionen in Spanien und zum Teil auch in Portugal korrelierte positiv mit dem Zuwachs des intra-industriellen Handels. Es ist zu vermuten, daß in Spanien produktionskostenorientierte Investitionsmotive bei weitem nicht die Bedeutung hatten wie beispielsweise in Portugal mit Beginn seiner EG-Mitgliedschaft. Zum einen lagen die relativen Arbeitskosten im Vergleich zu Portugal oder Griechenland eher hoch. Zum anderen stieg im gleichen Zeitraum die Bedeutung des intra-industriellen Handels, die des inter-industriellen Handels sank dagegen. Schließlich mag die relative Größe Spaniens und der Anstieg seines Pro-Kopf-Einkommens die Relevanz absatzorientierter Investitionsmotive von Seiten der EG-Länder zunehmend in den Vordergrund gestellt haben. Demgegenüber dürften in Portugal und Griechenland produktionskostenorientierte Vor-Ort-Engagements auch 1992 eine erhebliche Rolle gespielt haben.

Die Feststellungen unterstreichen für den Integrationsprozeß Mittelosteuropas die parallele Bedeutung des Handels und der Direktinvestitionen. Beide Integrationsformen sind unabdingbar für einen möglichen Konvergenzerfolg der Visegrádstaaten. Folgen sie dem Beispiel der iberischen Länder, d.h., können der intra-industrielle Handel deutlich vergrößert und Investitionen vermehrt aus dem Raum der EU angezogen werden, so mag es langfristig auch zu einem nachhaltigen Anstieg der Volkseinkommen kommen. Umgekehrt ist mit dem Wachstum der relativen Einkommen ein weiterer Anstieg beider Größen zu erwarten. Bei den Direktinvestitionen werden zunehmend absatzorientierte Motive in den Vordergrund treten.

 

 

 

5.4 Schlußfolgerungen für die Arbeitsnachfrage

Nach der Errichtung einer Freihandelszone und der vollständigen Integration der Gütermärkte stellt die Kapitalverkehrsliberalisierung als wesentlicher Bestandteil eines gemeinsamen Binnenmarktes den nächsten Schritt zur Integrationsvertiefung von Mittelosteuropa und EU dar. Eine Reihe von Gründen spricht dafür, daß es bei freier Bewegung des Realkapitals zu einer Erhöhung der Direktinvestitionen in den Visegrádstaaten kommen wird. Als wichtigste Motive gelten die niedrigen Arbeitskosten in Verbindung mit einer relativ hohen Qualifikation der Arbeitskräfte, die geographische Nähe zum Zentralraum der Union, die Eroberung bisher noch weitgehend unerschlossener Märkte und dabei zugleich der Aufbau von Exportbasen zum entfernteren Osten Europas. Um umfangreiche Realkapitalströme aus dem Raum der EU anzuziehen, müssen die Reformländer jedoch weitere Anstrengungen unternehmen. Notwendige Voraussetzungen sind die zügige Überwindung der Systemtransformation, der Abschluß des Privatisierungsprozesses, die Stringenz und Verläßlichkeit der nationalen Wirtschaftspolitik sowie die Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur. Mit beginnendem wirtschaftlichen Aufholprozeß werden sich die Erwartungen der Investoren verbessern, so daß nachhaltige Realkapitalzuflüsse nach Mittelosteuropa möglich werden.

Von Kapitalimporten werden statische und dynamische Effekte erwartet. Neben der Kapitalbildung und dem Zufluß moderner Technologie erlauben die Direktinvestitionen eine Erhöhung der Faktorproduktitvität und eine Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Langfristig kann das verstärkte Vor-Ort-Engagement der EU-Unternehmen einen dauerhaften Anstieg der Produktion in Gang setzen.

Die Kapitalmarktintegration bietet somit große Chancen, auch die Arbeitsnachfrage in den mittelosteuropäischen Reformländern nachhaltig zu steigern. Zunächst kommt es zu einem Arbeitsnachfrageanstieg in den Niederlassungen der EU-Unternehmen. Neben diesen unmittelbaren Wirkungen der Investitionen sind für die Arbeitsnachfrage langfristig vor allem die indirekten, dynamischen Einflüsse entscheidend. Zu erwähnen sind hier zum einen die positiven Rückkopplungseffekte auf vor- und nachgelagerte Industrien und Dienstleister. Bezieht der Investor Vorprodukte, lokale Dienstleistungen, Baumaterialien etc. aus dem regionalen Raum Mittelosteuropas, so sind beschäftigungssteigernde Effekte wahrscheinlich. Positive Externalitäten der Direktinvestitionen beziehen sich weiterhin auf verschiedene Formen des technologischen Spill-overs. Durch die Aus- und Weiterbildung in den ausländischen Niederlassungen erlernen die Arbeitskräfte notwendige technische Kenntnisse und Managementfähigkeiten, die sie zur effizienten Führung eines Unternehmens befähigen. Die Kooperation der westlichen Manager mit mittelosteuropäischen Unternehmen und die Vermittlung von Netzwerken zur EU fördern ebenfalls positive Synergieeffekte. Der technologische Spill-over unterstützt zugleich die Entfaltung einer eigenständigen unternehmerischen Dynamik in den Visegrádstaaten. Diese ist letztlich Grundlage für eine dauerhafte Belebung der Arbeitsnachfrage (vgl. auch Kap. 4.4).

Bei der Frage der Arbeitsplatzschaffung ist ferner zu berücksichtigen, inwieweit die westlichen Investoren zu einer Rationalisierung von Arbeitsplätzen beitragen könnten. Für eine Rationalisierung von Arbeitsplätzen spricht, daß die höhere Produktionseffizienz und mit ihr die geringere Arbeitsintensität der Produktion häufig einen wichtigen Internalisierungsvorteil westlicher Unternehmen darstellen. Zudem produzieren die mittelosteuropäischen Unternehmen trotz umfangreicher Personalfreisetzungen im Zuge der Systemtransformation auch heute noch mit deutlichem Arbeitskräfteüberhang (vgl. Kap. 2.1.2). Es ist jedoch davon auszugehen, daß die arbeitsplatzschaffenden Effekte überwiegen. Investieren die EU-Unternehmen aus produktionskostenorientierten Motiven, so nutzen sie den Vorteil der freien Standortwahl im gemeinsamen Binnenmarkt. Sie verlagern die arbeitsintensiven Produktionsabschnitte ihrer gesamten Produktion und beliefern von dort aus die Länder innerhalb und außerhalb der EU. Dabei nutzen sie gerade den Umstand aus, in Mittelosteuropa über eine Vielzahl billiger und qualifizierter Arbeitskräfte verfügen zu können. Eine erhebliche Verringerung der Arbeitsintensität ist daher wenig wahrscheinlich.

So wie bei der Gütermarktintegration ist auch hier von einer sektoral unterschiedlichen Nachfragebelebung auszugehen. Die EU-Investoren engagieren sich dort, wo sie einen technologischen Vorsprung gegenüber den lokalen Produzenten haben. Wie oben festgehalten, sind Internalisierungsvorteile und Direktinvestitionen bei höheren Anforderungen an Management- und Technologiewissen zu vermuten. Der hohe Humankapitalbestand schafft in Verbindung mit den niedrigen Arbeitskosten Mittelosteuropas Investitionsanreize vorwiegend für Unternehmen, die technologisch anspruchsvollere Güter produzieren. Dagegen liegt der zukünftige Investitionsschwerpunkt voraussichtlich weniger im Bereich rein arbeitsintensiver Produktionen (s.o.). Ein Anstieg der Arbeitsnachfrage in Mittelosteuropa ist bei arbeitsintensiven Gütern eher im Zuge der verstärkten Auftragsfertigung (vorwiegend in Form der passiven Lohnveredelung) wahrscheinlich.

Neben der Produktionsverlagerung investieren die Unternehmen, um die Märkte Osteuropas zu erschließen. Das Ausmaß der Arbeitsplatzschaffung hängt hier davon ab, in welchem Umfang sich die Unternehmen vor Ort engagieren. So stehen eher geringfügigen Investitionen in reine Vertriebsstätten oder Lagerräume umfangreiche Verlagerungen von Marketingabteilungen, Servicestellen und Produktionsstätten zur regiospezifischen Modifikation der abzusetzenden Erzeugnisse gegenüber. Im Zuge einer graduellen Internationalisierungsstrategie ist zu vermuten, daß die Unternehmen mit zunehmendem Markterfolg ihr Vor-Ort-Engagement sukzessive ausbauen. Zunächst ist vorwiegend mit der Errichtung von Handelsniederlassungen zum Verkauf der Produkte zu rechnen.

Schließlich mögen die EU-Unternehmen im Bereich nicht-handelbarer Güter investieren. Als typisches Beispiel läßt sich die Bauindustrie anführen. Hier ist kurz- bis mittelfristig ebenfalls eine Ausweitung der Arbeitsnachfrage zu vermuten.

Ebenso wie bei der Gütermarktintegration ist eine dauerhafte Belebung der Arbeitsnachfrage auch bei der Kapitalmarktintegration mit einer Verstärkung des Strukturwandels verbunden. Die Investoren der EU fördern eine Intensivierung des Wettbewerbs in den Reformländern. Sie übertragen Preis- und Qualitätsstrukturen, Know-how und eine Produktvielfalt, die sich auf den Märkten der westlichen Industrieländer über einen langen Zeitraum entwickelt haben. Auf diese Weise beschleunigen sie einerseits das Ausscheiden von heimischen Unternehmen vom Markt, andererseits weisen sie den Weg für zukunftsträchtige Neuinvestitionen (s.o.).

Die nachteiligen Wirkungen des Strukturwandels sind im Vergleich zu den Wirkungen der Gütermarktintegration geringer. Da der Kapitalbestand in Mittelosteuropa durch die Direktinvestitionen insgesamt steigt, ist der Kapitalanstieg in den wachsenden Sektoren nicht zwangsweise mit einem gleich hohen Kapitalabzug in anderen Sektoren verbunden. Der Strukturwandel wird durch den Zufluß von Direktinvestitionen abgefedert. Dementsprechend ist der Nettoeffekt auf den Arbeitsmärkten positiv. Während es bei der Gütermarktliberalisierung zunächst zu einem weiteren Rückgang der Arbeitsnachfrage kommen mag, ist ein kurzfristiger Beschäftigungsrückgang bei der Integration der Kapitalmärkte mit der EU weniger wahrscheinlich.